7. Oktober 2017

Piet Mondrian, von dem hier in den letzten Tagen immer wieder die Rede gewesen ist, gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Künstlervereinigung De Stijl (gegründet 1917 in Leiden), die eine Zeitschrift gleichen Namens herausgab. In einem Manifest von 1918 werden philosophisch-politisch-ästhetischen Leitlinien des Organs so skizziert:

1. Es gibt ein altes und ein neues Zeitbewusstsein. Das alte richtet sich auf das Individuelle. Das neue richtet sich auf das Universelle. Der Streit des Individuellen gegen das Universelle zeigt sich sowohl in dem Weltkriege wie in der heutigen Kunst.
2. Der Krieg destruktiviert [englisch: „is destroying“]  die alte Welt mit ihrem Inhalt: die individuelle Vorherrschaft auf jedem Gebiet.
3. Die neue Kunst hat das, was das neue Zeitbewusstsein enthält, ans Licht gebracht: gleichmäßiges Verhältnis des Universellen und des Individuellen.
4. Das neue Zeitbewusstsein ist bereit, sich in allem, auch im äußerlichen Leben, zu realisieren.
5. Tradition, Dogmen und die Vorherrschaft des Individuellen (des Natürlichen) stehen dieser Realisierung im Wege.
6. Deshalb rufen die Begründer der neuen Bildung alle, die an die Reform der Kunst und der Kultur glauben, auf, diese Hindernisse der Entwicklung zu vernichten, so wie sie in der neuen bildenden Kunst – indem sie die natürliche Form aufhoben – dasjenige ausgeschaltet haben, das dem reinen Kunstausdruck, der äußersten Konsequenz jeden Kunstbegriffs, im Wege steht.
7. Die Künstler der Gegenwart haben, getrieben durch ein und dasselbe Bewusstsein in der ganzen Welt, auf geistlichem [geistigem] Gebiet teilgenommen an dem Weltkrieg gegen die Vorherrschaft des Individualismus, der Willkür. Sie sympathisieren deshalb mit allen, die geistig oder materiell streiten für die Bildung einer internationalen Einheit in Leben, Kunst, Kultur.
8. Das Organ „Der Stil“, zu diesem Zweck gegründet, trachtet dazu beizutragen, die neue Lebensauffassung in ein reines Licht zu stellen.
[…]

Unterschrift der Mitarbeiter:
Antony Kok, Dichter
Theo van Doesburg, Maler
Piet Mondriaan [sic], Maler
Robt. van ´t Hoff; Architekt
G. Vantongerloo, Bildhauer
Vilmos Huszar, Maler
Jan Wils, Architekt

Durch die analytische Herausarbeitung angeblicher Grundprinzipien des Bildlichen sollten nach dem Willen von De Stijl die individualistische Willkür und die Tradition der natürlichen Form, die dem „reinen Kunstausdruck“ vorgeblich im Weg standen, aus der Kunst ausgeschaltet und vernichtet werden. Dieses Säuberungsprogramm braucht hinsichtlich seiner theoretischen und verbalen Radikalität einen Vergleich mit dem ab 1933 in der Sphäre der Kunst praktisch realisierten nicht zu scheuen. Dass sich die aufgrund einer (letztlich sprachlichen) Analyse des Bildraums postulierten elementaren Gestaltungsprinzipien umstandslos durch bildnerische Mittel repräsentieren lassen, um alsdann zu prinzipientreuen Muster-Bildern rekombiniert zu werden – daran hegten Mondria(a)n und seine Kampfgenossen offenbar keinen Zweifel. Nun endlich schien es möglich, Bilder zu malen, die der individuellen Beliebigkeit weitgehend ins Universelle enthoben waren. Als Maler machte man von seiner künstlerischen Freiheit optimalen Gebrauch, indem man einsah, dass es allgemeine Notwendigkeiten gab, denen man seine individuelle Willkür zu opfern habe – Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit (Hegel), in diesem Fall: in die Notwendigkeit, vor Rot, Gelb und Blau als Trinität des malerischen Nonplusultra demutsvoll und dem Individualismus abschwörend das Knie zu beugen, während man sich über der Brust vertikal und horizontal bekreuzigte. Dass damit zugleich der Weltfrieden auf ewig gesichert war, verstand sich quasi von selbst. Ich stelle mir, wenn ich so eine Predigt über das selbstlose Sich-Hingeben des Künstlers ans Universelle lese, eine Physik vor, die bestrebt ist, nach vollzogener Elementaranalyse unter Verwendung von Abbildungen (Modellen) der von ihr gefundenen Grundelemente neue Universen zu schaffen. Dass Physiker dazu so nicht in der Lage sind, leuchtet spontan ein. Dass man mit Abbildungen von elementaren Gestaltungsprinzipien nicht so ohne weiteres lebensfähige neue Bilder malen kann, glauben die meisten bis heute nicht. Die Moderne scheint das Gegenteil bewiesen zu haben.

Pieter C. Mondriaan: „Hof bei Duivendrecht“, um 1905, Aquarell und Gouache, 50 x 65,5 cm – Ein Bild …
… und was nach einer ersten Analyse und Rekombination der universellen Grundelemente daraus geworden ist.