7. Dezember 2017

Detail aus „Herbstblätter“ (siehe hier am 6.12.2017) bei 25-fache Vergrößerung.

„Abstrahieren heißt sich entscheiden für die Regel und gegen die Ausnahme, für das Ganze und gegen das Detail (für die sogenannte Gesellschaft und gegen das sogenannte Individuum), für die Klärung und gegen die Trübung, für die Kontrolle und gegen die Hingabe, für das Wissen und gegen die Naivität; wer abstrahiert setzt sich durch, um sich nicht aussetzen zu müssen, der Abstraktor will von nichts etwas wissen, was ihm nicht in den Kram passt, er idealisiert die Verhältnisse so lange, bis man sie kaum noch wiedererkennt, was bucklig war, wird von ihm eingeebnet, das natürlich Sich-Windende begradigt er wie einst Johann Gottfried Tulla den Rhein.“

So polemisierte ich vor beinahe auf den Tag genau 11 Jahren gegen die Abstraktion. Anlass war eine Rede zur Eröffnung einer Ausstellung das Malers und Bildhauers Rainer Günther. Unter Weglassung der anti-abstrakten Emphase könnte man sagen, abstrahieren heißt Abstand nehmen, allgemein werden, vom Dinghaften zurücktreten – so weit zurück, dass keinerlei Einzeldinge mehr erkennbar sind. Als Tablet-Zeichner kann man allerdings feststellen, dass man in der Gegenrichtung zu ähnlichen Effekten kommt. Zoomt man sich in ein Bild, auf dem bei normaler Einstellung beispielsweise zu Boden gefallene Blätter ausgemacht werden können, hinein bis zum geht nicht mehr (das entspricht bei meinem Zeichenprogramm einer 25-fachen Vergrößerung), verschwinden die Gegenstände und die Konturen lösen sich auf. Man kann also auch vom Gegenstand zurücktreten, indem man ihm zu nahe tritt. Das Resultat ist vielleicht nicht dasselbe, aber die dabei entstehenden Bilder sehen einander unter Umständen sehr ähnlich.