5. November 2017

Lothar Rumold: „Baum-Bild, 5.11.2017“, 2017, Tablet-Bild

Einige Partien dieser Tablet-Zeichnung oder -Malerei habe ich deutlich im Aufbau-Stadium belassen. Man soll nicht glauben, dass ich auf dem Tablet Fotos malen will.

Las heute die letzten Seiten von Friedrich Nietzsches 1874 veröffentlichtem Groß-Aufsatz „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“. Sein Fazit lautet: Wir müssen zurück oder voran zu einem griechischen (nicht romanischen) Begriff von Kultur, zu einer „neuen und verbesserten Physis, ohne Innen und Außen, ohne Verstellung und Konvention, der Kultur als einer Einhelligkeit zwischen Leben, Denken, Scheinen und Wollen.“ Man kann das missverstehen als Ermunterung zur Unhöflichkeit, zum Sich-Gehenlassen, letztlich zur Barbarei. Dem steht entgegen, was kurz davor (und gleichfalls abschließend) gesagt wird: „Dies ist ein Gleichnis für jeden einzelnen von uns: er muß das Chaos in sich organisieren, dadurch daß er sich auf seine echten Bedürfnisse zurückbesinnt. Seine Ehrlichkeit, sein tüchtiger und wahrhafter Charakter muß sich irgendwann einmal dagegen sträuben, daß immer nur nachgesprochen, nachgelernt, nachgeahmt [meine Hervorhebung, L. R.] werde“. Und noch weiter oben nennt Nietzsche das Leben „ein Handwerk [,,,], das aus dem Grunde und stetig gelernt und ohne Schonung geübt werden muß, wenn es nicht Stümper und Schwätzer auskriechen lassen soll!“ Und: Den Griechen sei es einmal ähnlich ergangen wie den Deutschen – „ähnlich etwa, wie jetzt die ‚deutsche Bildung‘ und Religion ein in sich kämpfendes Chaos des gesamten Auslandes, der gesamten Vorzeit ist.“ Mit anderen Worten: Es herrschten auch damals (bei den Alten Griechen) schon grenzenlose Weltoffenheit, Vielfalt, Buntheit und Multi-Kulturalität. Da Nietzsche darin eine Krankheit (er nennt es die „wissenschaftliche“ oder „historische Krankheit“) sieht, die uns am eigentlichen Leben und Menschsein hindert und uns stattdessen dazu verurteilt, „menschenähnliche Aggregate“ (zugehängt mit Girlanden der Bildung und der Gesinnung, sprich: des nachzuahmenden, weil gesellschaftsfähigen Dafürhaltens) zu sein, empfiehlt er als Gegengifte: das Unhistorische, die Unbildung, die (einen möglichen Kultur-Raum schaffende) Begrenzung der Horizonte, eine heilsame Gleichgültigkeit und Verschlossenheit – bei gleichzeitiger Rückbesinnung auf unsere echten (wenn ich „authentischen“ schriebe, verstünde man es vielleicht besser) Bedürfnisse mit dem Ziel, individuell und kollektiv wieder von uns Besitz zu ergreifen (um uns dann ausschließlich dasjenige an Historie, Fremdheit und Bildung anzueignen, welches uns zuträglich und förderlich ist). Individuell mag das ein Stück weit gelingen, kaum aber kollektiv.