31. Oktober 2017

In meinem zuletzt (Ende Oktober) veröffentlichten Monolog im Dialog mit Michael Schneider habe ich gesagt, man solle meinetwegen versuchen, die Kunstwerke rational zu rekonstruieren und auch die Werk-Autoren könnten dazu einen Beitrag leisten, wenn ihnen danach sei. Ich relativiere das und setze ein Fragezeichen dahinter, indem ich Friedrich Nietzsche zitiere:

„Es gibt Menschen, die an eine umwälzende Heilkraft der deutschen Musik unter Deutschen glauben: sie empfinden es mit Zorne und halten es für ein Unrecht, begangen am Lebendigsten unserer Kultur, wenn solche Männer wie Mozart und Beethoven bereits jetzt [ca. 1874, L. R.] mit dem ganzen gelehrten Wust des Biographischen überschüttet und mit dem Foltersystem historischer Kritik zu Antworten auf tausend zudringlich Fragen gezwungen werden. Wird nicht dadurch das in seinen lebendigen Wirkungen noch gar nicht Erschöpfte zur Unzeit abgetan oder mindestens gelähmt, daß man die Neubegierde auf zahllose Mikrologien des Lebens und der Werke richtet und Erkenntnis-Probleme dort sucht, wo man lernen sollte zu leben [wohl auch: zu lieben, L. R.] und alle Probleme zu vergessen?“

Und was Nietzsche in „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ über die Religion schreibt, mag auch für das Kunstwerk gelten: „[…] eine Religion, die durch und durch wissenschaftlich erkannt werden soll, ist am Ende dieses Weges zugleich vernichtet.“

Lothar Rumold: „Nachts im Park 5“, 2017, Tablet-Zeichnung