30. November 2017

Und immer wieder Cézanne. Das liegt aber zum guten, für mich womöglich sogar besseren Teil an Rainer Maria Rilke, der in seinen Pariser Briefen an seine Frau Clara so wunderschön über ihn schreibt. So liest sich das im Brief vom 8. Oktober 1907:

Selbstporträt von Jean Siméon Chardin – das mit dem Kneifer und dem blauen Band), gemalt wahrscheinlich 1775 (da war er 76).
„Und bei dem Blau [in einem Bild von Rosalba Carriera, L. R.] fiel mir auf, daß es jenes bestimmte Blau des 18. Jahrhunderts ist, das überall, bei La Tour, bei Peronnet, zu finden ist, und das noch bei Chardin nicht aufhört elegant zu sein, obwohl es da schon als Band seiner eigentümlichen Haube (auf dem Selbstbildnis mit dem Hornkneifer) recht rücksichtslos verwendet wird. (Es ließe sich denken, daß jemand eine Monographie des Blaus schriebe, von dem dichten wachsigen Blau der pompejanischen Wandbilder bis zu Chardin und weiter bis zu Cézanne: welche Lebensgeschichte!) Denn Cézannes sehr eigenes Blau hat diese Abstammung, kommt von dem Blau das 18. Jahrhunderts her, das Chardin seiner Prätention entkleidet hat und das nun bei Cézanne keine Nebenbedeutung mehr mitbringt. Chardin ist überhaupt der Vermittler gewesen; schon seine Früchte denken nicht mehr an die Tafel, liegen auf dem Küchentisch herum und geben nichts darauf, schön gegessen zu sein. Bei Cézanne hört ihre Eßbarkeit überhaupt auf, so sehr dinghaft wirklich werden sie, so einfach unvertilgbar in ihrer eigensinnigen Vorhandenheit. Wenn man Chardins Bildnisse seiner eigenen Person sieht, denkt man, er müsse ein alter Sonderling gewesen sein. Wie sehr und in wie trauriger Weise Cézanne einer war, erzähl ich Dir vielleicht morgen. Ich weiß einiges aus seinen letzten Jahren, da er alt war und schäbig und täglich auf dem Weg zu seinem Atelier Kinder hinter sich hatte, die ihm nachwarfen wie einem schlechten Hund. Aber innen, ganz innen, war er wunderschön, und ab und zu schrie er einem der seltenen Besucher wütend etwas ganz Herrliches zu. Du kannst Dir vorstellen, wie das ankam.“