3. Oktober 2017

Man könnte es geradezu ein muttersprachliches oder deutsches Dilemma nennen: Anders als das Deutsche zwingt das Englische seinen Sprecher nicht, zwischen (profaner) Arbeit und (künstlerischem) Werk zu unterscheiden: Work meint sowohl das eine als auch das andere. Immer wenn meine Muttersprache mich dazu nötigt, entweder von „meinem Werk“ oder von „meiner Arbeit“ zu sprechen, wäre ich gerne Engländer oder Amerikaner. Auf die Frage, worum es hier (auf diesen Seiten) eigentlich geht, könnte ich dann schön bequem und undifferenziert antworten: It’s about my work, womit alles gesagt wäre. Dieses Werktagebuch (oder wie immer es heißen mag) lief bisher unter dem Titel „JOURNAL“. Von heute an heißt es aus oben genanntem Grund bis auf weiteres „DAILY WORK“. Hinter der Umbenennung steht also für dieses Mal nicht mein typisch provinzieller Pseudo-Internationalismus, sondern ein partielles Unbehagen an und in meiner ansonsten nicht ungeliebten Muttersprache.

Noch ein paar Sätze zu Sol LeWitts Satz „you are not responsible for the world – you are only responsible for your work“. Wer würde das heute noch (oder wieder) bedenkenlos unterschreiben? LeWitts Satz findet sich in jenem von mir wiedergegebenen Brief an Eva Hesse aus dem Jahr 1965. Der 1928 Geborene schrieb ihn nieder, während die sogenannte 68er Generation bereits damit begonnen hatte, die Schuld an ihren eigenen Defekten und denjenigen ihrer Werke anderen in die Schuhe zu schieben und im Gegenzug von sich und allen anderen zu verlangen, fortan für Wohl und Wehe der ganzen Welt in einem von ihnen und nur von ihnen bestimmten Sinn die Verantwortung zu übernehmen. Aus dieser angemaßten Pflicht leiteten sie für sich das Recht ab, sich nach Belieben in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen und aller Welt sagen zu dürfen, was gut und was böse ist, was geht und was „ja gar nicht“ geht. Diese als Moral missverstandene Hybris hat ihren Siegeszug durch die Redaktionen und Parteien (bis in die Köpfe und Herzen „der Menschen“ hinein) nach einem halben Jahrhundert des aggressiven Fremdschämens nun hinter sich und stößt endlich auf ernst zu nehmenden Widerstand. Beinahe verwundert stellt man fest, dass es einmal einen Sol LeWitt gab, der nichts dabei fand zu schreiben: „you are not responsible for the world – you are only responsible for your work“ – was das Sich-Einmischen in die eigenen Angelegenheiten im Umkreis des Werks und darüber hinaus (die Arbeit an den Bedingungen der Möglichkeit seiner Existenz) keineswegs ausschließt.

Lothar Rumold: „Licht und Schatten 5“, 2017, Tablet-Zeichnung
Lothar Rumold: „Licht und Schatten 6“, 2017, Tablet-Zeichnung