27. Oktober 2017

In Anlehnung an Nietzsche („Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ – veröffentlicht 1874) darf man sagen: Um überhaupt ein Bild malen zu können, muss man unhistorisch ans Werk gehen, genauer: der Künstler muss das Bild in einem „unhistorischen Zustande vorher begehrt und erstrebt haben“, denn „ohne jene Hülle des Unhistorischen würde er nie […] anzufangen wagen.“ Oder: „Zu allem Handeln gehört Vergessen“. Es gilt nach Nietzsche aber auch: Je größer die plastische Kraft eines Künstlers ist, nämlich die Kraft „aus sich heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und einzuverleiben“, desto mehr Geschichte beziehungsweise Kunstgeschichte hält er aus, ohne dass diese ihn überwuchert, überwältigt, beschädigt. Die robusteste Künstler-Natur wäre daran zu erkennen, „daß es für sie gar keine Grenze des [kunst]historischen Sinnes geben würde […]; alles Vergangne, eignes und fremdestes, würde sie an sich heran-, in sich hineinziehen und gleichsam zu Blut umschaffen.“ Und weiter: „Das, was eine solche Natur nicht bezwingt, weiß sie zu vergessen; es ist nicht mehr da, der Horizont ist geschlossen und ganz, und nichts vermag daran zu erinnern, daß es noch jenseits desselben Menschen, Leidenschaften, Lehren, Zwecke [und Kunstwerke, L. R.] gibt.“
xxxxxJeder frage sich also, wie viel Kunstgeschichte er sich einverleiben kann, ohne bleibende Schäden davonzutragen. Andererseits wäre es durchaus kontraproduktiv, würde man bereits vor der Unverträglichkeitsgrenze halt machen und sich auf seine Pflicht berufen, zur Wahrung eines geschlossenen Horizonts (welcher, so Nietzsche, verhindert, dass man nicht mehr an sich glaubt und „alles in bewegte Punkte auseinanderfließen“ sieht) in den Modus der Kunstgeschichtsvergessenheit zu wechseln und damit möglicherweise weit unter seinen schöpferischen Blutbildungsmöglichkeiten zu bleiben.

Wer seine kunsthistorische Inkorporationsfähigkeit einem Test unterziehen oder auch trainieren möchte, der mag dies beispielsweise tun, indem er sich in eine Zeichnung des fünfundzwanzigjährigen Georges Seurat vertieft:

Georges Seurat: „Die Concierge“, ca. 1884, Zeichnung (Conté-Stift)