26. Oktober 2017

Das Politische versucht in diesen Tagen, dem Musischen, also dem Gespräch über Bäume, immer wieder den Platz streitig zu machen, um sich Gehör und Gesicht zu verschaffen. Nicht immer (hoffentlich nicht: immer seltener) gelingt es mir, politische Positionierungen im von mir herausgegebenen Daily Worker zu vermeiden. Daher heute unter der scheinbar musischen Überschrift „Max Liebermann und kein Ende in Sicht“ ein paar dezidiert politische Sätze über die Vermeidung eines Vortrags des „umstrittenen“ Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt an der Frankfurter Goethe-Universität (Details findet man hier, der Absatz beginnt mit „Die Welt meldet“):

Um als „Rassist“ entlarvt und aus den vermeintlich besten moralischen Gründen am öffentlichen Reden gehindert zu werden, muss man sich gar nicht rassistisch geäußert haben. Es genügt, dass einem „rassistische Denkstrukturen“ nachgesagt werden können. Und da es kaum möglich ist, „rassistische Denkstrukturen“ zweifelsfrei nachzuweisen, können „rassistische Denkstrukturen“ jedem nachgesagt werden, dessen Äußerungen dem erklärten Anti-Rassisten nicht in den Kram passen. Wir merkeln uns also: Insbesondere der Anti-Rassist ist nicht nur willens, sondern auch in der Lage, einen Rassisten von einem Nicht-Rassisten zu unterscheiden. Und wer sich nicht den Zorn des Anti-Rassisten zuziehen will, tut gut daran, dessen Unterscheidungsfähigkeit nicht in Zweifel zu ziehen – etwa, indem er zur Begründung eines Rassismus-Vorwurfs mehr verlangt, als den Verweis auf angeblich vorliegende „rassistische Denkstrukturen“. Denn hinter einem solchen Verlangen nach Beweisen erkennt jeder versierte Anti-Rassist unschwer eine „rassistische Denkstruktur“. So auch hinter diesen Zeilen. Es ist zwar nicht besonders originell, aber in jeder Hinsicht passend, an dieser Stelle Max Liebermann zu zitieren: „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“

Max Liebermann: „Selbstbildnis im Anzug neben der Staffelei“, 1922

Wahrscheinlich liegen auch bei Eva Quistorp (Theologin, Mitgründerin der Grünen, sie bezeichnet Winfried Kretschmann als ihren Freund, MdEP a. D.), Richard Schröder (Theologe, SPD-Fraktionsvorsitzender in der Volkskammer der DDR, MdB a. D.) und Gunter Weißgerber (Ingenieur, SDP/SPD, MdB a. D.) „rassistische Denkstrukturen“ vor. Ich vermag sie nicht zu erkennen, aber ich bin ja auch kein auf Rassisten-Detektion geeichter Anti-Rassist:

Hier die bereits am 10. Oktober veröffentlichten Thesen schriftlich. Und nach all der Politik und all dem Schlachten heute fällt mir nur und gerade noch des in Bälde 81-jährigen Wolf Biermanns Große Ermutigung ein, die Ermutigung desselben Biermanns, der sich, Gott sei’s geklagt und weiß der Geier warum, auf die Merkel-Seite geschlagen hat: „ich bin müde, hundemüde, / müde bin ich all die Tage, / die mich hart und härter machten, / ach, mein Herz ist krank von all der / Politik und all dem Schlachten.“