23. Oktober 2017

Der Frankfurter Oberbürgermeister ließ in der Paulskirche keinen Zweifel daran, dass man als Meinungshaber und Diskussionsteilnehmer vom überlegenen Standpunkt einer absoluten Moral herab zu behandeln, allenfalls irgendwie zu dulden, auf jeden Fall aber zu maßregeln und zu belehren ist, wenn man Merkels anhaltende Politik des Großen Hereinwinkens nicht gut- sondern schlechtheißt. Die Schriftstellerin Sibylle Berg verkündet nur eine Woche später via „Spiegel“, dass das mit dem Reden ohnehin sinnlos geworden sei, und dass jedem fortan im nicht-metaphorischen Sinn aufs Maul gehauen werden soll, wenn er als „Rechter“ in Erscheinung tritt. Vor einer Woche habe ich hier geschrieben, mit den nicht enden wollenden wohlfeilen Positionierungen „gegen Rechts“ rede man uns in einen Kalten Bürger-Krieg hinein. Frau Berg erklärt diese noch relativ gemäßigte, gerade noch „kalte“ Phase der Auseinandersetzung jetzt schon für beendet und will, dass von nun an (noch ungehemmter) zurückgeschlagen wird. Wie lange wird es dauern, bis aus lauter Sorge um die Demokratie und ein friedliches und menschliches Miteinander die ersten Schüssen fallen? Denen auf Rudi Dutschke damals im Kampf gegen Links war eine mediale Verleumdungskampagne vorausgegangen, die von der heutigen „gegen Rechts“ um ein Vielfaches übertroffen wird. Und moralisierende Hysteriker, die in jedem einen „Nazi“ zu sehen wähnen, für den „Nation“ kein Schimpfwort und „Flüchtlinge“, „Geflüchtete“ und „Schutzsuchende“ unzulässige Verallgemeinerungen und letztlich nur die Passwörter für umwälzende soziale Veränderungen sind, laufen zu Hunderten, wenn nicht zu Tausenden herum.

Sibylle Berg setzt im von nun an vor allem auch non-verbal („die Zeit des Redens ist vorbei“) auszutragenden Streit um die „Rettung der Menschlichkeit“ auf „die jungen Menschen von der Antifa, die Faschisten mit dem einzigen Argument begegnen, das Rechte verstehen“. Bei ihrer „Neudefinition des Begriffs linker Aktivismus“ werden die Berg und die Antifa sich gewiss freudig erregt orientieren am Gestus und Inhalt eines proletarischen Kampf-Gesangs, den Hannes Wader vor Jahrzehnten seinen damaligen Genossen von der DKP mit kunstvollem Vibrato an den humanitär entscheidenden Stellen zur Gitarre vorgetragen hat. In der vorletzten Strophe heißt es: „Nun wird die Kraft von uns erkannt: / Die starke Waffe unsrer Hand! / Schlag zu, du junge Garde des Proletariats, / [und weil’s so schön war, gleich nochmal:] Schlag zu, du junge Garde des Proletariats!“ Die nach Berg anstehende „Neudefinition des Begriffs linker Aktivismus“ ist also keineswegs neu. Und gleichfalls bekannt dürfte eigentlich sein, was am Ende vom Lied herauskommen soll, nämlich dass „jeder Feind am Boden liegt“ – statt im Bundestag zu sitzen und dem Endsieg der Humanität im Weg zu stehen: