22 Juli 2017

Sieht aus wie eine Radierung, ist aber Resultat der Nachbearbeitung einer digitalen Fotografie. © Lothar Rumold

Gehst du zum Pferd, vergiss Papier und Bleistift nicht. Heute waren wir bei den Isländern und ich hatte beides dabei. Man darf dann aber nicht zu den Pferden gehen, mit dem Vorsatz, „Perde“ oder schlimmer noch : „ein Pferd“ zu zeichnen. Man muss vielmehr an die Koppel treten, um einen Weg zu finden, den in Gegenwart von sogenannten Pferden erlebten Wahrnehmungstrom in ein zeichnerisches Resultat umzusetzen. Das eine hat mit dem anderen zunächst gar nichts zu tun, auch wenn sich in der Praxis, da man ja Vorsätze der ersten Art im wirklichen Leben nie ganz los wird, Mittelwege gegangen und Kompromisse eingegangen werden müssen.
xxxxxWer Pferde zeichnen will, sieht vor sich nicht Pferde, sondern ein Hin-und-Her und Rauf-und-Runter von Linien. Allenfalls sieht er Beine und Rücken, Schweife, Ohren, Mäuler, Köpfe. Man sollte den Linien, die man sieht, folgen, nicht den Ideen von einem Gegenstand, oder meinetwegen auch Lebewesen „Pferd“, die man im Kopf hat. Vertrauen in die lebendige Wahrnehmung also, statt Glauben an eine Ideologie des Know-how. Rezepte von der Art „Wie man ein Pferd zeichnet“ sind gut für Menschen, die sich daran gewöhnt haben, nach Gebrauchsanweisung zu leben.
xxxxxKenntnisse über die Anatomie des Pferdes können helfen, die Linie müheloser zu erfassen, und doch ist die Linie, die ich vor mir sehe, die konkrete Spur, der ich zu folgen habe. Es kann bei jener Art des Zeichnens, die ich „situatives Zeichnen“ nenne, nicht darum gehen, die Richtigkeit des Abstrakten am Konkreten, des Allgemeinen am Einzelnen nachzuweisen, zu belegen, zu verifizieren. Bevor dies nun aber doch wieder zu einer Gebrauchsanweisung für das Zeichnen von Pferden wird – genug für heute.