Koinzidenz bei steigenden Werten

Bei steigenden Inzidenzwerten kam es heute bei mir zu einer Rezeptions-Koinzidenz von Anstiegsmeldungen und Psalm 55 (“eine Unterweisung Davids, vorzusingen, beim Saitenspiel”), worin es heißt:

“Ich sprach: O hätte ich Flügel wie Tauben, daß ich wegflöge und Ruhe fände! / Siehe, so wollte ich in die Ferne fliehen und in der Wüste bleiben. SELA.”

Fiktionalität als formaler Disclaimer

Wenn ich mich als sogenannter Schriftsteller oder schreibender Mensch zu einem bestimmten Sachverhalt äußere, wirft man mir möglicherweise (und dann wahrscheinlich zu Recht) mangelnde Kompetenz vor. Wenn ich dagegen in jedem Satz meine persönliche Perspektive (im Hinblick auf Gott, mich selbst und die Welt) veröffentliche, also quasi zur Schau stelle, wird man mich unter Umständen der Egomanie oder des subjektivistischen Narzissmus’ zeihen (es sei denn, ich kleide meine eigenste Sicht der Dinge nach der neuesten Mode der „Kunst und Kultur schaffenden“ Kreise). Der klassische Ausweg aus diesem Dilemma ist die erzählerische Erfindung von Figuren als Blitzableiter für Vorwürfe aller Art.

Dieser literaturtypische Haftungsausschluss, die Umleitung der inhaltlichen Verantwortlichkeit oder moralisch-ideologischen Zuständigkeit als Weiterleitung der Kritik an die Adresse einer fiktiven Person verschafft dem Autor die Freiheit der Kompetenzanmaßung und der äußersten Subjektivität als Mittel seiner literarischen Kunstfertigkeit. Wodurch ich allerdings keine auktoriale Generalimmunität erlange. Wenn ich jetzt in der Kritik stehe, dann aber als Literat und nicht als Verfasser von Sachtexten oder egozentrischen Bekenntnissen.

Als potentiell scheiternder Schreiber hat man demnach (mindestens) die Wahl, ob man als schwacher Literat, als inkompetenter Sachbuch-Autor oder als ideologisch oder idiosynkratisch verirrter Subjektivist gelten möchte.

Nun, Herr HERR, du bist Gott

Im zweiten Buch Samuel, Kapitel 7, spricht König David den Höchsten mehrfach mit “Herr HERR” an. In Vers 28 erreicht der Sprachgestus einen Affirmations- und Redundanzgrad, der kaum noch zu steigern ist: “Nun, Herr HERR, du bist Gott, und deine Worte sind Wahrheit.” Fürwahr herrlich, um nicht zu sagen göttlich gesagt.

Existenzsicherungskonzepte

Aus der Parallellektüre von Gunnar Heinsohns und Otto Steigers Eigentum, Zins und Geld (zuerst erschienen 1996) und dem Alten Testament ergeben sich gelegentlich kontrapunktisch interessante Konstellationen.

Das eigentliche Wirtschaften beginnt nach Heinsohn und Steiger erst dann, wenn sich Individuen gezwungen sehen, Kredite aufzunehmen, um Profite erwirtschaften zu können, genauer gesagt: um ihr Eigentum nicht konsumieren zu müssen, sondern vermehren oder wenigstens erhalten, also verteidigen zu können. Das heißt, die Eigentumsgesellschaft ist eine von der Furcht um den Eigentumsverlust voran und in den technischen Fortschritt und damit ins Wachstum hinein getriebene Gesellschaft.

Dem stellt die Bibel wiederholt entgegen: Sorge dich nicht um dein Aus- und Einkommen, denn der HERR wird für dich sorgen! Zugleich lese ich im Alten Testament (derzeit im ersten und zweite Buch Samuel) von in Serie geführten genozidalen Vernichtungskriegen der Stämme gegeneinander, Kriege, in denen Gott von jenen, die mit ihm einen Bund geschlossen zu haben meinen, um Beistand gebeten wird, den er dann auch regelmäßig (wenn auch nicht immer) gewährt.

Das Resultat dieser Kämpfe ist Menschendezimierung (auf beiden Seiten) und Landgewinn, wobei natürlich auch die auf dem eroberten Territorium liegenden Städte gerne übernommen werden. Dieses Furcht und Schrecken verbreitende Existenzsicherungskonzept scheint die von Gott Zebaoth (dem HERRN der Heere) unterstützte alttestamentarische Alternative zum endogen furchtgetriebenen “kapitalistischen” Wachstum zu sein.

Notiz zu Notizen von P. H.

In einer Tagebuchnotiz bezeichnet sich Peter Handke 2015 (das Jahr, an dessen Ende er 73 wurde) als mehr denn je durchdrungen von seiner (namenlosen) Sendung. Und in einer anderen Eintragung, zu finden am Anfang der Sammlung Vor der Baumschattenwand nachts (2016), schreibt er 2007 (mit noch 64): “Schreiber, bleib unauffällig, verschwinde im Löwenzahngelb am Bordstein. Geh in eine Seitenstraße, und in noch eine, und in eine weitere: ‘Da ist es!’ Laß deine Lieben ihr Leben leben, und verschwinde!”

In Seitenstraßen verschwinden, dem kann ich folgen. Von einer Sendung durchdrungen bin ich meines Wissens nicht, aber das wäre ich wohl gern. Denn so ein Durchdrungensein würde es einfacher machen, wähne ich. Was? Es.