Der Spiegel-Test

Der Stand der Dinge (gespiegelt) am 27. Juni 2020.

Beim Blick in den Spiegel stellt der „Nackte Mann“ erwartungsgemäß fest, dass er noch nicht fertig ist. Alle paar Tage eine Dreiviertelstunde – das wird wohl noch eine Weile dauern.

Nicht nur für ihn, sondern auch für mich ist der Spiegel-Blick informativ und hilfreich bei der Beantwortung der Frage nach dem wirklichen Stand der Dinge. Ich habe das erst vor kurzem zufällig bemerkt: Das Spieglein, Spieglein an der Wand (oder sonstwo) sagt mir, ob meine in Arbeit befindliche Arbeit wirklich die schönste im ganzen Land ist – wofür ich sie naturgemäß gerne halte. Oder ob diese Linie mit dem Schnitzeisen noch ein wenig nachgezogen, jene Kontur noch deutlicher herausgearbeitet werden muss und so weiter und so fort.

Woran liegt das? Der indirekte Blick auf ein flächiges Spiegel-Bild scheint mehr oder noch etwas anderes erkennen zu können als der direkte Blick auf das mit mir im selben Raum befindliche Objekt. Um es zu verallgemeinern: Der Spiegel entwirft eine Art reduziertes Modell meiner Figur; und an diesem Modell erfahre ich trotz oder wegen der Reduktion etwas über das Original, das ich an diesem selbst nicht ohne weiteres wahrnehmen kann.