Der Baum und die Linguistik und

Für den US-amerikanischen Linguisten Morris Swadesh (1909-1967) gehört der sprachliche Ausdruck zur Bezeichnung des oder eines Baumes zum Basisvokabular der natürlichen Sprachen. Zusammen mit 99 (in einer anderen Variante auch 199) anderen Wörtern setzte er das Baum-Wort auf eine für jede Sprache neu zu erstellende Liste, die er basic list, lexical test list oder anders nannte. Die anhand einer „Swadesh-Liste“ generierte Vokabel-Zusammenstellung enthält Bezeichnungen für den Körper und seine Funktionen, für Naturphänomene (darunter eben auch Baum bzw. tree, arbor etc.), Sinneswahrnehmungen, räumliche Dimensionen und anderes mehr. Mit Hilfe der Swadesh-Liste sollte der sprachforscherisch tätige field worker in die Lage versetzt werden, routinemäßig eine Art Basisvokabular der jeweils neu zu erfassenden Sprache zusammenzustellen und, last not least, interlinguale historisch orientierte Vergleiche anzustellen. Swadesh selbst sammelte Daten von nahezu zwei Dutzend „indigenen“ Idiomen, also solchen Sprachen, die in Nordamerika und Mexiko schon vor der Besiedelung durch Einwanderer aus Europa und anderen Gegenden gesprochen wurden. Die lexikalischen und strukturellen Ähnlichkeiten, die ihm dabei auffielen, führten Swadesh in den 1950er Jahren zur formellen Einführung der von ihm bis dato informell benutzten Schablonen, durch die sein Name über den Begriff der Swadesh list Eingang in die linguistische Terminologie gefunden hat.

Swadeshs forschungspraktisch-heuristisch motivierten Wörter-Sets waren (natürlich) von Anfang an umstritten. Die Feststellung, dass die Annahme von semantisch äquivalenten Ausdrücken in unterschiedlichen Sprachen problematisch sei, ist einerseits richtig. Andererseits kann sie als Einwand gegen die Swadesh-Liste nur vorgebracht werden, sofern unterstellt wird, dass das mit Hilfe des Schemas empirisch erhobene Daten-Material paarweise semantisch identisch sein soll. Ob eine solche (fragwürdige) Äquivalenz- oder Identitätsbehauptung oder -vermutung vorliegt oder nicht, wäre im Einzelfall zu prüfen.

Welche Naturphänomene können gemeint sein, wenn man im Deutschen von einem Baum spricht? Sind es dieselben möglichen Phänomene, die ein Sprecher einer der von Swadesh untersuchten nordamerikanischen Sprachen mit dem Baum-Wort der entsprechenden Swadesh-Liste meinen kann?

Bis vor kurzem hätte ich nicht gezögert, eine Palme einen Baum zu nennen. Seit ich den Wikipedia-Eintrag zum Stichwort Baum gelesen habe, weiß ich aber, dass es Gründe gibt, dies nicht zu tun. Denn Palmen haben weder Dickenwachstum (sie wachsen nur nach oben) noch, wie es heißt, echtes Holz. Auch bilden die meisten Palmen keine Seitenäste aus. Es fehlen also gewisse Bedingungen, die gegeben sein müssten, damit, folgt man dem Wikipedia-Artikel (der seinerseits der botanischen Taxonomie folgt), eine Palme den Zusatznamen Baum für sich beanspruchen könnte.

Bäume sind, einigermaßen kurz gesagt, verholzende Samenpflanzen, die mehrere Jahre (bis zu zehntausend) alt werden, eine dominierende Sprossachse haben und durch Dickenwachstum an Umfang zunehmen. Am Stamm, an den Ästen und an den Zweigen werden ein- oder mehrmals jährlich neue End- und Seitenknospen ausgebildet, wobei die Endknospen dominieren, so dass sich, anders als bei den Sträuchern, ein Haupttrieb herausbildet.

Dies alles kann man irgendwie mitmeinen, wenn man, etwa in einem Gespräch über Bäume, von einem Baum spricht. Wo dabei die linguistische Semantik aufhört und die Botanik (aber auch die Mythologie, die Medizin, die Forstwirtschaftslehre und so weiter und so fort) anfängt, ist schwer zu sagen. Anders gesagt: Auch (und gerade) bei einem Gespräch über Bäume kann man vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen und muss stets auf nahezu alles gefasst sein.