Strange Encounter

Skizze mit dem Geißfuß (V-förmiges Schnitzeisen)
30. März 2020

„Hilf, Vater“, sagt sie, „wenn ihr Flüsse göttliche Macht habt!
Durch Verwandlung verdirb die Gestalt, mit der ich zu sehr gefiel!“
Kaum war die Bitte beendet, befällt schwere Taubheit die Glieder:
Die weichen Brüste werden von zarter Rinde umschlossen,
die Haare werden zu Laub, die Arme wachsen als Äste;
schon wird der flinke Fuß von trägen Wurzeln gehalten,
ein Wipfel verbirgt das Gesicht: Der Glanz allein bleibt ihr.
Phoebus liebt sie gleichwohl. An den Stamm hält er die Rechte
und fühlt noch unter der neuen Rinde die zitternde Brust.
Die Zweige, wie Glieder, mit seinen Armen umschlingend
küsst er das Holz, doch das Holz weicht vor den Küssen zurück.

[Phoebus oder Phoibos: Beiname Apollons (der Leuchtende)]

Ovid: „Metamorphosen“, Buch 1, Vers 545-555
Gestern habe ich auf einem Karlsruher Stadtteil-Friedhof dieses von mir vor 20 Jahren angefertigte Holzgrabmal wiedergefunden. Wusste nicht, dass es dort steht, und weiß nicht, wie es dort hinkam. Merkwürdiges Zusammentreffen.

Mit Daphne anfangen

Werkelier, 28. März 2020

Ein dreiviertel Jahr lang hing die erste Skizze für eine vom Daphne-Mythos angeregte Wand-Plastik an der Wand meiner Werkstatt. Jetzt habe ich sie in groben Zügen auf ein Stück Eichenholz übertragen. Daphne, das war die, die sich von Apollon nicht kriegen und haben lassen wollte und also das Weiterleben als Lorbeerstrauch der apollinischen Penetration (beinahe eine contradictio in adiecto) vorzog. Ihr Vater, der Flussgott Peneios, soll ihr bei der bemerkenswerten Metamorphose behilflich gewesen sein. Mehr dazu hier.

„Mit Daphne anfangen“ annonciert übrigens drei Anfänge. Erstens den Neubeginn des Lignologs. Zweitens den Beginn der Arbeit an der Daphne-Skulptur. Drittens den Anfang einer Serie von holzbildhauerischen und anderen Arbeiten zu mythologischen Themen im Anschluss an das NACH MYTHEN Projekt mit Markus Jäger.