Ein angenehmer Abend

Nun schon zum dritten Mal: Friday(s) for Houellebecq – scheint (wider Erwarten) doch so etwas wie eine Serie zu werden. Passend zum anstehenden Wochenende (das allerdings für nicht wenige schon am gestrigen Feiertag begonnen hat):

„Der namenlose, 30-jährige Ich-Erzähler“ (Wikipedia) in Houellebecqs Roman Ausweitung der Kampfzone erzählt: „Am Wochenende verkehre ich in der Regel mit niemandem. Ich bleibe zu Hause, räume ein wenig auf, kultiviere eine kleine Depression.“

Klingt gemütlich, aber am Wochenende von Kapitel Acht „steht Mitmenschlichkeit auf dem Programm“. Denn der Namenlose geht mit einem früheren Studienfreund, der dann doch noch Pfarrer geworden ist, bei einem Mexikaner essen. Der Pfarrer mit dem Ingenieursdiplom tischt seinem Gegenüber die kulturkritische These auf, wonach mit dem historisch nachlassenden Lebenshunger einer Gesellschaft das Gerede über sexuelle Abenteuer und abenteuerliche Erotik immer penetranter werde.

Der Protagonist gewinnt den Eindruck, dass der spätberufene Pfarrer ihn für ein Musterbeispiel dieser vitalen Erschöpfung hält: „Um etwas zu sagen, wende ich ein, dass heutzutage jedermann zwangsläufig irgendwann in seinem Leben glaubt, gescheitert zu sein.“

„Wir trinken einen Schnaps; er legt seine Karten auf den Tisch. Seiner Meinung nach ist Jesus die Lösung; Jesus, die Quelle des Lebens. Eines reichen und lebendigen Lebens.“ Der Ich-Erzähler verspricht, dass er sich bemühen werde, seine göttliche Natur zu akzeptieren, fügt noch ein paar Sätze hinzu und versucht, einen Konsens herzustellen. „Danach ein Kaffee und ab nach Hause. Eigentlich ein angenehmer Abend.“

In meiner auf einer Bank zwischen Königsbach und Söllingen gefundenen Rowohlt-Paperback-Ausgabe (ich berichtete hier darüber) wird die Zeitschrift Literaturen zitiert. Darin nannte jemand Houellebecqs Roman eine „lakonische Abrechnung mit den Acht-Stunden-Jobs in der Provinz, mit der Spaßkultur und der sexuellen Befreiung.“ Warum Abrechnung? Ja, ich weiß, Literaturkritiker halten es nicht für möglich, dass man über das Leben schreibt, ohne mit ihm abrechnen zu wollen.