Der Knabenchor als Gerechtigkeitslücke

Der Gerechtigkeits-Furor war schon immer auch, wenn nicht sogar vor allem, ein Furor des Abschaffens und Liquidierens, was sich schon sprachlich, nämlich daran zeigt, dass es meistens darum geht, etwas zu beseitigen, und sei es auch nur eine „Gerechtigkeitslücke“. In der Französischen und russischen Revolution nicht anders als in der aktuellen Debatte über die einer absurden Logik folgende Forderung nach Aufnahme von Mädchen in Knabenchöre.

Dabei kann ein Mädchen schon deshalb nicht in einem Knabenchor mitsingen, weil der Knabenchor nach der Aufnahme eines Mädchens kein Knabenchor mehr wäre. Aber wegen ein paar typisch männlicher logischer Spitzfindigkeiten auf die Durchsetzung der Idee der universellen Gleichheit und ewigen Gerechtigkeit verzichten? Niemals.

Wer verlangt, dass Mädchen in Knabenchöre aufgenommen werden, fordert im Resultat die Abschaffung der Regensburger Domspatzen und anderer „Männerdomänen“ als letzte oder vorletzte Bastionen der Ungerechtigkeit. Nur ein guillotinierter Adliger ist ein guter Adliger, nur ein abgeschaffter Knaben- oder Männerchor ist ein guter Knaben- oder Männerchor. Der zivilisatorische Fortschritt besteht immerhin – und dafür muss mann wohl dankbar sein – darin, dass heute im Namen der Gerechtigkeit primär den Gepflogenheiten und nur noch in Ausnahmefällen denen, die sie pflegen, der Garaus gemacht werden soll.

Als Mittel gegen den gleichmacherischen Gerechtigkeit-Irrsinn hilft vielleicht eines Tages nur noch das Antidot der Aufnahme des Knabenchors in die Liste der zu schützenden Kulturgüter. Aber was da landet, ist schon nicht mehr Teil der im Alltag lebendigen, sondern einer auf der Palliativ-Station ihrem Ende entgegendämmernden Kultur.