Von antiken Mythen verfolgt: August Gauls Hermes

In einem 1962 erschienenen Band über die Plastik des 20. Jahrhunderts schreibt Gert von der Osten: „Viele Bildhauer folgen noch antiken Mythen. […] Doch werden die alten Geschichten nicht mehr eigentlich erzählt.“

Hermes alias Merkur, der bei Gauls zwei Meter hoher Bronze-Plastik seinen Zauberstab (Kerykeion, lateinisch: Caduceus) anscheinend als Pendel benutzt. Er ist unter anderem der Schutzpatron der Kunsthändler. Versucht er gerade Echtes von Gefälschtem zu unterscheiden?

Umbilicus figurae – umbilicus mundi

Der Nabel (Umbilicus) der Figur (Form, Gestalt) ist dem Bildhauer der Nabel seiner Welt.

Das Einzelwerk als relativ unabhängiges Beziehungsgefüge kommt nicht aus dem Nichts. Fluchtpunkt Werk als Resultat einer Methode? Der Künstler als vergleichender Bild-Wissenschaftler. Arbeiten im modus coniunctivus: das (wo)mögliche Werk als Ergebnis des Herstellens (Stiftens) von Beziehungen. Systemcharakter des Werks.

Die Götter im Hades zu Paris

Es war einmal eine Göttin, deren steinernes Bildnis stand auf der Insel Samos oder einer anderen der vielen griechischen Inseln. Vielleicht auch in Syrakusai auf Sizilien oder irgendwo in Kleinasien. Und wenn die Ortsansässigen in Gleichnissen sprachen, dann wurde regelmäßig ihr Name genannt. Heute sieht sie sich in Gestalt ihres in Marmor gehauenen Ebenbilds in die Katakomben des Pariser Louvre versetzt. Sie steht dort eingereiht in die Warteschlange einer kleinen, musealen Ewigkeit zusammen mit anderen Göttinnen und Halbgöttern. Jeder kennt hier jede, meist ist man miteinander verwandt, viele verband einst eine innige Feindschaft, die hier aber keine Rolle mehr spielt. Denn sie alle treten nur noch in einer einzigen Rolle auf, nämlich in der des historischen Kulturguts, das darauf wartet, restauriert oder ausgeliehen oder exhibiert zu werden. Missbrauch folgt auf Missbrauch. Es geht ihnen im Museum nicht viel anders als den Tieren der afrikanischen, arktischen oder sonst einer Wildnis in den Exponat-Gehegen der sogenannten Zoologischen Gärten. Freiheit, Ansehen, Anbetung und Würde – das war gestern. Heute ist Kultur.

Skulpturen im Magazin des Louvre, Foto: Peter Willi, Paris

Antonio Pollaiuolo: Herakles und Antaios

Nach Antonio Pollaiuolos Bronze-Statuette „Herakles und Antaios“
(zweite Hälfte 15. Jahrhundert).

Antonio Pollaiuolo (ca. 1431-1498) war einer der ersten Künstler in Florenz, die sich mit mythologischen Themen befasst haben. Und dann gleich Herakles und ein knapp 30 Meter großer beziehungsweise hoher Riese, der dem Halbgott den Zugang zu den Gärten der Hesperiden verwehren wollte! Bevor Herakles ihn umschlingen, in die Höhe heben und erdrücken konnte, musste er wohl irgendwie die Luft aus Antaios rausgelassen oder ihn auf andere Weise auf ein technisch zu bewältigendes Normalmaß reduziert haben.

Apropos Pfingsten

Wenn die Bildhauerei am Ende ist, ist sie endlich am Anfang. Die Suche nach neuen Formen führt zu nichts Neuem mehr. Jetzt muss man nicht mehr innovativ sein, sondern könnte machen, was man will. Und weil heute Pfingstmontag ist: Jeder könnte die bildhauerische Sprache sprechen, die dem Brausen, das er in seinem Haus vernimmt (Apostelgeschichte, 2. Kapitel) , Ausdruck verleiht.