Holländisch 4

Kultur ist ein Balanceakt über dem Abgrund der Barbarei: Der Absturz zur einen Seite droht dann, wenn das Unausgesprochene überwiegt, der zur anderen Seite dagegen, wenn ein Zuviel an Explizitheit gefordert wird. Wie ich darauf komme? Man lese die folgenden Zitate aus Sloterdijk 2018:

Über Philippe Nassifs Buch La lutte initiale: Quitter l’empire du nihilisme (2011): „Das Unternehmen erinnert von fern an die Verlegenheit junger deutscher Intellektueller in den frühen achtziger Jahren, als sie dem Dunstkreis der Kritischen Theorie entwuchsen. Sie merkten allmählich, daß sie außer der Ablehnung des Bestehenden nichts gelernt hatten. Sie wollten ins Positive umschulen. Doch wie?“ (S. 48, 27.5.2011)

Über die Pariser Intellektuellen: „Von résistance darf weiter geträumt werden. Noch immer bildet die Idee des Widerstands, wogegen auch immer, den nationalen Fetisch par excellence. Am Ende wird man den Krieg gewonnen haben, weil man kapituliert hat, ohne einverstanden gewesen zu sein.“ (S. 49, 27.5.2011) „Der parisianische Kampf-Kitsch“. (S. 49)

„Erwachsenwerden ist letztlich der einzige Einsatz, der zählt. Die unerträgliche Leichtigkeit der Existenz nach der Dekonstruktion der bodengebundenen Systeme fordert den Sinn für die Schwere heraus.“ (S. 51, 27.5.2011)

„Die einfachste Auskunft […] würde lauten, ergreife einen Beruf! Du wirst aufhören, mit allem zu spielen. Selbst wenn du spürst, die Gnade hat dich fallengelassen, leiste den Diensteid!“ (S. 52, 29.5.2011)

Über den 2011 hundert Jahre alten Schriftsteller Maurice Nadeau (er starb 2013): „Auch Einzelne stellen gelegentlich ihr Dasein unter Müdigkeitsverbot.“ (S. 54, 29.5.2011)

„Man kann sich in der Neuen Welt den Luxus alter Kulturen nicht mehr leisten: das Ruhen in geteilten stillen Voraussetzungen. Der amerikanische Kultur-Modus beruht deswegen auf zunehmender Armut an Latenz, Ungesagtheit und Implizitheit, umgekehrt produziert er immer größere Überschüsse an Explizitheit, Ausgesprochenheit, Manifestation – mitsamt den Reibungen, die sich aus der Überproduktion von manifesten Aussagen ergeben.“ (S. 55, 30.5.2011)

Der „täglich erlebte[…] freie Fall in die Verschlechterung“ (S. 56, 30.5.2011)

„Seit auch in den Einzelkulturen Europas die Ressourcen an Latenz, Implizitheit, Unausgesprochenheit in Auflösung begriffen sind, ist die These von der ‚Amerikanisierung‘ der Alten und der übrigen Welt berechtigt. […] Wir erleben, meist ohne zu wissen, wie uns geschieht und was wir dazu beitragen, einen zivilisatorischen Klimawandel, den man ablehnen, aber nicht aufhalten kann. Die Gletscher des kulturellen Unbewußten ziehen sich in die hohen Lagen zurück. […] Die Armut an gemeinsamen Prämissen macht unmöglich, was man bisher Bildung nannte. Komplimente unterliegen künftig der Zensur, die Freude an herzhaften Beleidigungen ist verdorben. Die guten Menschen legen ihre Duldsamkeit ab. Sie verwandeln sich in Nagelbretter und lassen nichts mehr auf sich sitzen. Eine kranke Wörtlichkeit löst die vormals kulturbegründende Ökonomie von Diskretem und Indirektem auf, indem sie soviel wie möglich auf die Seite des Expliziten zieht. Die Konsequenz hiervon ist eine Epidemie von aggressiven Überempfindlichkeiten. Auf der Gegenseite erlebt man das Anschwellen trotziger Kommunitarismen.“ (S. 56 f., 30.5.2011)

„Es gehört zu den großen Intuitionen Gumbrechts, daß er ‚Latenz‘ zu einem Schlüsselbegriff der humanities gemacht hat. Man muß von ihr reden, seit ihr Gegenteil, das Explizite, überall nach der Macht greift.“ (S. 57, 30.5.2011)

„War aber nicht jede vor-amerikanische Kultur, sofern sie ein lokales Ökosystem von Manifestem und Latentem bildete, ein von stillen Annahmen und inkarnierten Ausnahmen komponiertes Kunstwerk? Und werden nicht alle avancierten ‚Gesellschaften‘ endogen ‚amerikanisch‘?“ (S. 58, 30.5.2011)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)