Holländisch 7

„Doch was war das biblische Motto ‚Macht euch die Erde untertan!‘ anderes gewesen als die adäquate Antwort von selbsthelferisch gesinnten Menschen auf den episodischen chronischen Terror einer unbezwingbar scheinenden Natur? Diese Natur muß überlistet werden – darum gibt es die mechané (den Kunstgriff, die List) und die Maschine (das Gefüge aus Kunstgriffen).“ (S. 86, 29.6.2011)

Adorno bezeichnete „den Rückschlag des technischen Geistes gegen die Natur-Schrecken (heute verborgen im Wort ‚Klima‘) als ‚verwilderte Selbstbehauptung'“. (Ebd.)

„Der Einzelne erbringt keinen größeren Beitrag zur Zivilisation, als wenn er darauf verzichtet, wahnsinnig zu werden. Wie gelingt ihm das? Indem er bei der Flucht aus dem Schmerz in den Wahnsinn, von dem bereits Schopenhauer sprach, auf halbem Weg stehenbleibt.“ (S. 90, 1.7.2011)

„Ein paar Zeilen am 4. Bild von Babylon. 90 km mit dem Fahrrad am Rhein, via Rastatt, Steinmauern, Durmersheim, die Rückfahrt im milden Sprühregen.“ (S. 92, 7.7.2011)

„Das alte Europa: der Kontinent, wo man meinte, mit Hilfe von leidenschaftlichen Denkfehlern Gott näherzukommen.“ (S. 94, 9.7.2011)

„Der gute Rühmkorf trifft meine Stimmung, wenn er sagt, ja, früher, da haben wir brustschwimmend die Ströme geteilt, jetzt reichen drei Telefongespräche und der Tag ist gelaufen.“ (S. 96, 13.7.2011)

„Finde bei Karl Vossler (Romanisch Dichter, 1938) aus Vergils Abschied von Dante (Purgatorio, 27. Gesang) die Zeilen: ‚Du sei dein eigener Kaiser und dein Papst.‘ Wer eine Geschichte des erhöhten Selbstbewußtseins bei Europäern im Sinn hat, sollte an dieser Stelle beginnen.“ (S. 97, 16.7.2011)

Es sind „seit lange viel eher die Philologen als die Philosophen (‚vom Fach‘, ein alberner Zusatz) […], denen die originellen Wendungen zu verdanken sind.“ (S. 98, 16.7.2011)

„Das Elend der alternden Intellektuellen: Sie können nicht anders, als an den angefangenen Strümpfen weiterzustricken. Irgendwann ist so ein unfertiger Strumpf das ganze Leben. Nur durch ein Wunder käme in ihn ein unvorhergesehenes Muster.
Ob uns das nicht allen bevorsteht? der in die Jahre gekommene Intellektuelle feiert früher oder später die eiserne Hochzeit mit seinem ersten Irrtum.“ (S. 102, 17.7.2011)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. Die Zitate-Sammlung kann über das Schlagwort „Sloterdijk 2018“ en bloc aufgerufen werden. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Hommage an den Meister von Eriskirch?

Das zweite Falten-Stück heute, Maße nach wie vor 93 x 66 x 8 cm. Und noch immer ist es aus Eiche. Der Meister von Eriskirch würde sich wundern, was ich aus seinem sein Kreuz tragenden Christus im blauen Gewand gemacht habe (und noch machen werde).

Holländisch 6

„Zu alt für törichte Feindschaften, zu jung für Gleichgültigkeit.“ (S. 71, 11.6.2011)

Die Theologie „wird modern in dem Maß, wie sie sich von der Idee abkehrt, der Himmel könne Strenge zeigen. Sie sendet den zornigen Gott in den Ruhestand und behält einen Restgott zurück, der Aufsicht führt über die Telefonseelsorge.“ (S. 72, 13.6.2011)

„Im Vorwort zum Joseph-Roman macht Thomas Mann eine Bemerkung, die mir jetzt mehr einleuchtet als bei früherer Lektüre […]: Für die mythische Rede sei das ‚Gesetz der Zusammenziehung‘ gültig. Das besagt, aus dem ähnlichen wird im Mythos das gleiche, ja dasselbe. Während die historische Rede in jedem Detail das immer wieder andere hervorhebt, als wolle sie die Möglichkeit der identischen Wiederholung bestreiten, betont der Mythos das Immergleiche. Er hat die Mission, die Differenzen so lange zu schwächen, bis es unter der Sonne tatsächlich nichts Neues gibt. Der effektive Mythos macht die Einzelheiten vernachlässigbar, gute Geschichtsschreibung dagegen läßt den Widerstreit zwischen dem Einmaligen und dem Typischen hervortreten.“ (S. 72, 13.6.2011)

„Wenn Italien als ganzes träumt, kann nur Berlusconi entstehen. Was kommt zustande, wenn Rußland träumt, wenn Amerika träumt, wenn Deutschland träumt?“ (S. 76, 17.6.2011)

„Die Idee der Konsolidierung ist nicht nur konservativ, sie ist apokalyptisch geworden. Käme sie an die Macht, sie würde den babylonischen Turm der kreditbasierten Künstlichkeiten binnen kürzester Zeit zum Einsturz bringen.“ (S. 79, 18.6.2011)

„Wir verlieren mit unvorhergesehener Geschwindigkeit das Patrimonium an geprägten Gewohnheiten, die bisher eine Kultur ausgemacht haben.“ (S. 80, 19.6.2011) Eine Anmerkung von mir (L. R.) dazu: Wen wundert es da noch, dass eine Integrationsbeauftragte der Bundesregierung 2017 (also weitere sechs Jahre nach Sloterdijks Notiz) eine spezifisch deutsche Kultur „jenseits der Sprache“ (als dem letzten Residuum geprägter Gewohnheiten) nicht (mehr) identifizieren konnte.

Gran Torino, 2008, sehenswerter Film mit dem alten Clint Eastwood [geb. 1930, L. R.], der auch Regie führt. So ein Mann kann einem den Glauben an den Sinn des Älterwerdens einflößen.“ (S. 83, 26.6.2011)

„Religiöse Überlieferung. Sie lebt davon, daß die Kühlkette der Illusionen nie unterbrochen wird. Ist das Produkt einmal aufgetaut, zersetzt sich sein Inhalt. Ne jamais recongéler un produit décongelé.“ (S. 84, 28.6.2011)

„Das ‚Prinzip der Zusammenziehung‘ [s. o., L. R.] macht es möglich, den neptunischen Flutschrecken mit dem meteorischen Sternenschrecken in eins zu setzen.“ (S. 84, 29.6.2011)

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Falten- und andere Studien

Am Vormittag: Atelier (heute mal wieder „Atelier“, was ja auch nichts anderes als „Werkstatt“ heißt), zweites Falten-Stück. Dazu im Radio der Flötist (Block-, Travers- und jetzt Quer-) Martin Sandhoff als Studio-Gast.
Am Abend: Skizze im roten Büchlein.

Lichteffekte

Werkstatt, Wand
Faltenskizze nach Foto im Gegenlicht der Schreibtischlampe (Format 8,9 x 13,8 cm)

Falten-Stück in Wolle

Während der Arbeit am aktuellen (dem zweiten) Falten-Stück in Eiche fiel mein Blick auf meinen linken Unterarm und ich gewahrte ein Falten-Stück in Wolle.

Kunst ist, wenn man das meiste nicht sieht

Es gibt Kunstwerke, bei denen, wie bei Eisbergen, 90 Prozent ihres Seins für den gewöhnlichen Betrachter unsichtbar bleiben. Künstler, Kunstkritiker und Kunsthistorikerinnen berichten uns dann in mehr oder weniger glaubhaften Worten von der Schönheit des notwendig im Verborgenen wesenden größeren und womöglich sogar besseren Teils des Ganzen. Das Werk sei die Suche nach dem Werk, sagte Wolfgang Rihm einmal. Sie dagegen versichern uns: Das Werk ist das Tauchen nach dem Werk. Im Halbdunkel ihrer Umschreibungen werden dann für diejenigen, welche darin geübt sind, auch dort noch etwas zu erkennen, wo nicht wirklich etwas zu sehen ist, undeutlich Umrisse deutlich. Ah, ich sehe ein mächtiges Narrativ, sagt der eine und: oh, was für eine profunde Analyse unserer postmodernen Befindlichkeit, seufzt die andere.

Bald wieder an den Lake Constance

Skizze nach einer Abbildung einer „Maria Magdalena“ von Christoph Daniel Schenck (1633-1691).

Beim Blättern in den Büchern meiner im Aufbau befindlichen kleinen Holzbildhauer-Bibliothek stelle ich fest, dass ich dem großartigen Konstanzer Bildhauer Christoph Daniel Schenk bei unserem jüngsten Aufenthalt dortselbst fast keine Beachtung geschenkt, besser: geschenckt habe. Seinen Thomas-Altar im Münster habe ich zwar en passant fotografiert, aber nicht als Schenck-Altar wahrgenommen. Dementsprechend ist die (eine und einzige) Aufnahme von ziemlich schlechter Qualität. Da hilft nur eines: bald wieder an den (wie wir Anglisten sagen) Lake Constance. Nein, nicht an den in Neuseeland und auch nicht an den in New Hampshire oder Washington, sondern an den am Bodensee.

Immerhin habe ich hier gestern etwas von ihm gezeigt.

Superlativismus

Peter Sloterdijk und einer meiner vielen Schwäger (eins, zwei, viele) haben gemeinsam, dass sie sich mit Vorliebe von Superlativ zu Superlativ schwingen und dabei als eine Art subsonaren Tarzan-Schrei implizit verlauten lassen: Ich weiß, dass ihr nichts wisst und ich alles besser weiß.