Bildliche Darstellung versus existenziell-statuarische Wiedergabe oder: gehalten und nicht gelassen (Adventskalender XVII)

Wer von der Bildhauerfamilie Zürn (insbesondere von Jörg, Martin und Michael Zürn) spricht, wird von dem, der die Zürn ebenso intensiv wie extensiv analysiert, reflektiert und in einem zweibändigen Werk gewürdigt hat, wird also von Claus Zoege von Manteuffel (1926-2009) nicht schweigen können noch wollen.

Von Manteuffels differenzierte (und damit wiederum zu Unterscheidungen befähigende) Beobachtungen am Werk der Zürn sind Beiträge zu einer Allgemeinen Ästhetik der Bildhauerei, deren Wert nicht überschätzt werden kann. Ob von Manteuffel seine Unterscheidungen selbst entwickelt oder „nur“ von einer schon vorhandenen deskriptiven Begrifflichkeit gekonnt Gebrauch gemacht hat, geht aus dem Text (gemeint ist Manteuffel 1969) nicht hervor.

So unterscheidet er beispielsweise zwischen der bildhauerischen Darstellung im Bild und der Wiedergabe der leiblichen Existenz – eine „theoretische“ Differenz, die mir zwar so nicht geläufig war, deren Plausibilität und Brauchbarkeit (auch für die bildhauerische Praxis) mir aber evident zu sein scheint:

Im Anschluss an einige Bemerkungen zur Freifigur eines Donatello im Italien des 15. Jahrhunderts, bei der es sich nach von Manteuffel nicht allein um eine realistische Wiedergabe des menschlichen Körpers, sondern quasi um die „Nachschöpfung des organischen Lebewesens in seiner Statik und seiner Beweglichkeit von ‚innen‘ her“ handele, heißt es: „Was die deutschen und französischen Bildhauer in erster Linie zu sagen hatten, lag in einem anderen Bereich. Sie machten Bilder Gottes und der Heiligen und exemplarische Bilder von Menschen. Sie stellten sie dar in ihrer Bedeutung; sie gaben sie nicht wieder in ihrer leiblichen Existenz, beziehungsweise als leibliche Erscheinung. Die körperliche Existenz war nur interessant, insofern auch sie zum Bilde des Dargestellten in seiner Bedeutung gehörte.“ (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 134) Etliche deutsche Bildhauer „schufen zwar nun auch realistische Figuren nach italienischem Vorbild, die physisches Gewicht haben, nicht mehr gotisch ’schweben‘. Doch sie stellten sie noch immer dar, gaben sie nicht wieder. Die Figuren sind gehalten, nicht gelassen; es sind keine Freifiguren.“

Und in diesem Zusammenhang über die Werke von Jörg und Martin Zürn (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 135): „Auch die fast monumentalen, nahezu statuarischen Figuren von Jörg und Martin Zürn sind im Kern gotisch, sind ‚Bilder‘. Es dünkt einen fast, als hätten sich die Meister vor der Renaissance gesträubt, denn in Augsburg und München und durch die vielen Stiche, mit denen sie nachweislich arbeiteten, muß sie ihnen allenthalben begegnet sein. Zünftlerische Enge und Unbeweglichkeit, instinktive Abwehr des Fremden und Unerreichbaren und sicher auch der Anspruch der Auftraggeber, sakrale Bildwerke zu schaffen, hielten sie davon ab, sich dem Neuen zu öffnen und ihm nachzustreben.“

Fortsetzung folgt.