Wer krönt da wen und warum?

Ein Marienkrönungs-Relief aus der Werkstatt von Peter Breuer, Zwickau 1520.

Wenn eine Frau schwanger wird von dem, den sie dann gebiert, ist das Realtautologie vom Feinsten. Oder sind der Heilige Geist, Gott und sein Sohn nicht ein und derselbe? Und wenn diese Frau von diesem zwei- oder dreifach mit sich selbst Identischen nach dem Ende ihrer irdischen Tage zur Dritten oder Vierten im Bunde gekrönt wird, macht das die Lage nicht unkomplizierter.

Peter Breuer war ein gut verdienender Zwickauer Bildschnitzer, bevor die Reformation ihn 1521 arbeitslos machte. Da war er um die fünfzig und Vorruhestandsregelungen oder Verdienstausfallsentschädigungen für zur Untätigkeit verdammte Holzbildhauer hatten die Reformer nicht im Angebot. Nur eine Bibelübersetzung ins Deutsche und Worte, nichts als Worte, aber um Gottes Willen keine Bilder mehr. An manchen Tage kann ich das sehr gut nachvollziehen. Doch kann es passieren, dass ich schon am Abend eines solchen Tages genug habe von dem ganzen Gerede und Geschreibe (meinem eigenen und dem der anderen) und mich sehne nach ein paar Stunden wortlosen Arbeitens an einem Holzrelief, warum nicht an einer (tauto)logisch vertrackten Marienkrönung.

Unterm Weihnachtsbaum hervorgezogen und aufgeschlagen: Peter Sloterdijks „Neue Zeilen und Tage“

Unterm Weihnachtsbaum, um metaphorisch zu sprechen, lag für mich in diesem Jahr auch Peter Sloterdijks unlängst erschienenes Buch Neue Zeilen und Tage. Notizen 2011-2013. Weil ich es seit Mitte der 1990er Jahre nicht lassen kann, die Bücher des Karlsruher Philosophen, der sich selbst als Schriftsteller bezeichnet, zu lesen, werde ich mir auch dieses zu Gemüte führen (also meinem Geist einverleiben, falls das möglich ist) und an dieser Stelle daraus zitieren, und zwar nicht selten nicht kommentarlos.

„Motivation ist eine knappe Ressource, daher bringt es Gewinn, wenn man, wo Motive fehlen, auf Gewohnheiten zurückgreifen kann. Das Schreiben von Notizen, hat man es jahrelang praktiziert, wird zu einem Habitus, der sein Warum absorbiert. Man tut es, weil man es getan hat. Es ist eines von tausend Gesichtern des übenden Lebens.“ (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 9)

Die scheinbar unscheinbare Wendung „daher bringt es Gewinn“ verweist auf eine politische Ökonomie des Lebens, in der strukturelle Stabilität relativ hoch im Kurs steht. (Auch der habituelle Gebrauch solcher Wendungen hat bei Sloterdijk „sein Warum absorbiert“, er verwendet die Floskeln, weil er sie verwendet hat, und zwar gewinnbringend im Sinne des Autors.)

P. S.: Wer meine Zitate-Sammlung als solche (also en bloc) lesen möchte, kann dies tun, indem er bei den Schlagwörtern „Sloterdijk 2018“ anklickt.

OHREN 19

OHREN 19: Das linke (links) stammt vom 22., das rechte (rechts) vom 27. Dezember, wer noch mehr wissen will, erfährt es hier.

Zeit des Aufbruchs, Zeit aufzubrechen

Schon werden die Tage (seit dem 14. Dezember) vom Ende her (will sagen: zum Ende hin) länger, noch fangen sie aber täglich etwas später an. Per saldo ergibt sich dabei jetzt schon (seit dem 21./22. Dezember) eine fortschreitende Verlängerung des Tags als die Kehrseite der Nacht. Wenn es also eine Phase des Jahres gibt, in der gewissermaßen mit objektiv-astronomischem Recht so etwas wie Aufbruchsstimmung entstehen und um sich greifen kann und darf, dann ist es die, in der wir uns jetzt befinden. Man sollte mal ein Buch oder wenigstens einen Essay über das Aufbrechen schreiben, aber wahrscheinlich gibt es das und den schon.

Seltsame Begegnung der dritten Art (Adventskalender XXIV)

Der Überlinger Hochaltar in St. Nikolaus (1613-1616) von Jörg Zürn und anderen Mitgliedern der Bildhauer-Familie Zürn ist sozusagen um eine Weihnachtskrippe herumgebaut. Foto (Ausschnitt): Ramessos (Wikimedia)

Wenn in diesem „Hirten mit Hund“ die Überlinger Zeitgenossen damals einen der Bildhauer Zürn wiedererkannt hätten, würde mich das nicht wundern. Die Art wie er mit gezogenem Hut grüßend (und zugleich mit prüfendem Blick) am Kind in der Krippe vorbeischreitet mag man als Gestus der Freiheit und kontextuellen Unabhängigkeit vom Geschehen im Stall deuten: eine seltsame Begegnung der dritten Art, ein Fremder aus der Zeit der Nachgeborenen und noch dazu einer der Schöpfer der Szene, in der er selbst als Teil des Ganzen in Erscheinung tritt. Auch ein Sinnbild der überzeitlichen Ewigkeit des Wunders von Bethlehem.

Foto aus Manteuffel 1969.

Oberammergau (Adventskalender XXIII)

In der Hoffnung, mir damit nicht den Zorn der Bildhauer Zürn zuzuziehen, setze ich heute nur diesen Link. Das Link-Ziel ist ein schöner Online-Artikel in der FAZ von Freddy Langner am 21.12.2018. Es geht u. a. um Krippen, hauptsächlich aber um die Schnitzer in Oberammergau. Um 1960 herum war mein Vater einer von ihnen.

Ein Weihnachtsengel von Johann Joseph Christian (Adventskalender XXII)

Johann Joseph Christian ist mit den Bildhauern Zürn weder verwandt noch verschwägert und lebte zudem mehr als 100 Jahre nach diesen, wenngleich in derselben Gegend, nämlich am Bodensee, genauer gesagt in Riedlingen, wo er 1706 geboren wurde und etwas mehr als 71 Jahre später gestorben ist.

Ich schicke dies als „Zwar“ voraus, weil mein Adventskalender die Bildhauerfamilie Zürn im Titel hat. Aber immerhin hat Christian, wie ich im letzten Beitrag gezeigt habe, möglicherweise eine Immaculata kreiert, die einer Katharina von David Zürn nicht ganz unähnlich sieht. Und er hat zudem einen Engel geschnitzt, der sich nicht nur sehen lassen kann, sondern als solcher hervorragend in die Weihnachtszeit passt. Außerdem braucht man es mit den Grundsätzen, wenn das Jahr sich dem Ende zuneigt, nicht mehr so genau zu nehmen. Man hat trotz bester Vorsätze während der letzten 12 Monate oft genug gegen diesen und jenen verstoßen, da kommt es jetzt auf eine Inkonsequenz mehr oder weniger nicht an.

Johann Joseph Christian: Engel, um 1760, Linde (vergoldet), Foto: Wikimedia

Wie sich die Holz-Bilder gleichen (Adventskalender XXI)


Obere Bildhälfte: David Zürn zugeschriebene Hl. Katharina, um 1625/30, Foto aus Manteuffel 1969, Bd. 2; untere Bildhälfte: Maria Immaculata, vielleicht von Johann Joseph Christian (1706-1777), um 1750, Foto aus Eckener 1987

Zwischen Zürns Katharina (mit dem exohrbitanten Hör-Gerät) und Christians Immaculata liegen wahrscheinlich mehr als hundert Jahre. Ihre Ähnlichkeit finde ich ebenso augenfällig wie verblüffend. Dass beide Schnitzer dasselbe Modell hatten bzw. in dieselbe Maria Katharina verschossen waren, kann ausgeschlossen werden. Vielleicht hat der Jüngere den Älteren ein bisschen kopiert? Oder Johann Joseph hatte was mit der Ururenkelin von Katharinas lebendem Vorbild? Von Überlingen (Zürn) bis ins weiter nördlich gelegene Riedlingen (Christian) sind es etwa 60 Kilometer.

Nach den Zürn schnitzten die Schenk (Adventskalender XX)

„Im Bodenseegebiet scheint eine direkte Spur von Jörg Zürn über die Schenk zu Joseph Anton Feuchtmayer zu führen“, hat Claus Zoege von Manteuffel festgestellt (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 137) und auch Birgit Lohse sieht Zürn, Christoph Daniel Schenk und J. A. Feuchtmayer in einem genealogischen Zusammenhang (Lohse 1960, S. 5). Nur noch wenige Adventskalender-Türchen sind zu öffnen und es wird Zeit, einen weiteren Blick hinaus über den Zürnschen Lebkuchen-Tellerrand meiner freiwilligen Selbstbeschränkung zu werfen.

Über die Schenks (bzw. die Schenk, wie von Manteuffel schreiben und sagen würde), habe ich hier schon einmal etwas veröffentlicht. Statt weiterer Worte für heute nur die Abbildung einer Pietà (die finale Variante der Krippen-Szene), die man der Werkstatt Schenk zuschreibt. Den wenig gebrauchten Begriff des Werkstatt-Oeuvres habe ich durch den Kunsthistoriker Klaus Schwager (1925-2016) kennengelernt, hier ein Beitrag dazu.

Vermutlich Werkstatt Schenk: Pietà, um 1680, Linde, H 77 cm, St. Peter und Paul, Reichenau-Niederzell, Foto: Wolfgang Sauber

Maria Magdalena von Jörg Zürn (Adventskalender XIX)

Jörg Zürn: Maria Magdalena (aus einer Kreuzigungsgruppe), Entstehungsjahr nicht bekannt, Linde, Foto: Lotte Eckener, in: Eckener 1987, S. 52

Man kann sie eigentlich nicht eine Madonna nennen, aber wahrscheinlich weil sie auch Maria heißt und auch sie zu den Frauen um Jesus Christus gehört, hat sie Eingang in eine 1987 erschienene Madonnen-Bild-Sammlung gefunden (Eckener 1987, S. 52). Gott sei Dank, muss man sagen.