Ein Holzbildhauer, der Anton Sturm nicht kennt, ist nicht wirklich ein Holzbildhauer

Zu meiner Entschuldigung, falls es einer solchen bedarf, kann ich darauf verweisen, dass ich zwar spätestens ab 1994, nämlich nach Ablegung meiner Meisterprüfung im Holzbildhauerhandwerk, Holzbildhauer war, mich aber nie primär als solchen verstanden habe. Ich wollte „konzeptuell“ arbeiten, das Theoretisieren schien mir für einen zeitgenössischen Künstler (als der ich trotz gelegentlicher Dementis gelten wollte) essenziell zu sein, allemal wichtiger war es mir jedenfalls, als die tägliche holzbildhauerische Praxis. Es war, wie es war.

Dies zu meiner Entschuldigung (oder auch nicht) deshalb, weil ich mit dem Namen Anton Sturms bis gerade eben noch allenfalls verband, dass es sich bei seinem Träger um einen süddeutschen Bildhauer handelte. Keine Ahnung hatte ich, was für ein Bildhauer dieser Sturm gewesen ist! Viel mehr als eine Ahnung von seiner Kunst habe ich auch jetzt noch nicht. Aber schon diese Ahnung flößt mir großen Respekt ein. Sturm lebte in Füssen und seiner Hauptwerke kann man im Kloster Ottobeuren und in St. Mang in Füssen ansichtig werden. Hier ein paar weitere Bilder und Notizen.

Eine Pietà von Anton Sturm (in Holz) im österreichischen Breitenwang, zehn Kilometer südlich von Füssen, 1724/28 (Foto: Herbert Wittmann).

Einigermaßen auf dem richtigen Holzweg?

Notizzettel-Skizze, 9 x 9 cm

Wenn man bzw. ich ein Ohr nach dem anderen schnitzt bzw. schnitze, dann kann man das Ohr nach kurzer Zeit auswendig. Und dann tauchte nicht erst heute die Frage auf, ob das überhaupt stimmt, was ich da schnitze. Oder ob das nicht mein persönliches Fantasie-Ohr ist, eine Form, die sich verselbständigt hat, gewissermaßen autonom geworden und dem Abbildungs-Kontext entkommen ist. Das wäre ja noch schöner: entlaufene autonome Ohren! Die kommen für mich derzeit überhaupt nicht infrage. 

Also habe ich mein anatomisch korrektes Anatomie-Buch aufgeschlagen und das dort objektiv richtig (Einwände wurden heute nicht zugelassen) dargestellte Ohr abgezeichnet und obigen Zettel mit Klebeband in Augenhöhe (mit dem Ohr auf Augenhöhe) an die Wand neben meiner Werkbank geklebt. So konnte ich mich während der Schnitzarbeit immer wieder vergewissern, dass ich noch einigermaßen auf dem richtigen Holzweg bin.

Was dabei herausgekommen ist, sieht man hier.

Allianzen des Wohlgefallens oder: Schöne Stellen und schöne Stellen

Warum nicht einmal relativ skrupellos das Klischee bestätigen, wonach Holzobjekte dann besonders reizvoll, gefällig oder gar schön sind, wenn naturgegebene und von einem Menschen gesetzte Aspekte eine Allianz des Wohlgefallens eingegangen sind. Soll man grundsätzlich auf Effekte verzichten oder nur dann, wenn es die Natur war, die einem beim Haschen nach denselben auf freundliche Weise zuvor- und entgegen gekommen ist?

Vor noch gar nicht langer Zeit hätte ich solche Kooperationen entschieden abgelehnt. Theodor W. Adorno hat für den Rundfunk einmal „schöne Stellen“ in der Musik analysiert, doch gingen diese stets aufs Konto des Komponisten und nicht des Zufalls oder der Natur, um vom Lieben Gott nicht zu reden. Die schönen Stellen im Holz habe ich nicht zu verantworten. Meine Verantwortung beginnt erst bei der Frage, ob ich naturschöne Stellen in meinen Holzarbeiten zulassen will oder nicht. Und ob ich des weiteren meine Form konsonieren lassen will mit der Naturform. Ich wollte, wie man sieht.

Details zu OHREN 11 hier.

Noch alle OHREN im Regal

Wenn ich nicht mehr alle OHREN im Regal hätte, dann würde das nicht bedeuten, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe, sondern dass ich ein paar davon verkauft hätte. Preis und anderes hier.

Nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung

In der Werkstatt – am Boden, aber nicht zerstört.

Letzten Samstag ging meine schöne kleine Ausstellung (weil sie so klein war, nenne ich sie großspurig Retrospektive) im Info-Center am Karlsruher Hauptfriedhof zu Ende. Die Website zur Ausstellung bleibt bis auf weiteres online unter www.holzbilder2018.lotharrumold.de.

Wann es die nächste Ausstellung geben wird, steht, wie man so sagt, in den Sternen. Dass es sie geben wird, davon gehe ich aus. Allerdings werden dann wohl teilweise oder in toto andere Arbeiten zu sehen sein als bisher. Andere? Ja, andere. Inwiefern anders? Wir werden sehen.

Beinahe alles, was man zum Leben braucht

Fünf Kilometer nördlich von der einen und westlich von einer anderen Mosel-Schleife liegt der Ort Hetzerath mit seinen mehr als zweitausend Einwohnern. Wie die beiden Wortbestandteile „Hetze“ und „Rath“ zusammengekommen sind, und was mit dem Namen ursprünglich gemeint war, lässt sich leicht klären. Darum geht es hier aber nicht. Und es geht auch nicht um die Schönheit der südlichen Eifel, noch um den von der „Flugplatz Trier GmbH“ betriebenen Flugplatz ganz in der Nähe von Hetzerath. Sondern es geht, könnte man sagen, um das Aufstellen eines von mir angefertigten Holzgrabmals auf dem örtlichen Friedhof, welcher übrigens der einzige mir bekannte Friedhof ist, der keine öffentliche Toilette besitzt. Dabei heißt es auf der Website der Gemeinde, in Hetzerath gebe es „alles was man zum Leben braucht“. Friedhofstoiletten und Kommata gehören nach lokaler Auffassung offenbar nicht dazu.

Zu den zusätzlich schönen Seiten meiner holzbildhauerischen Tätigkeit gehören berufsbedingten Tagesausflüge oder Kurzreisen in mir bis dahin nicht oder kaum bekannte Ecken der Republik. Aus dem jeweils gegebenen Anlass der Erstellung eines Holzgrabmals kam ich so schon nach Wedel bei Hamburg, Eisleben in Sachsen-Anhalt, Neustadt bei Waiblingen, Schechingen bei Schwäbisch-Gmünd, Elsdorf nordöstlich von Bremen, Weilheim an der Teck und gestern schließlich nach Hetzerath bei Trier. Als ein in Karlsruhe lebender Holzbildhauer „geschafft“ hätte ich es wohl, wenn man mir den Auftrag erteilen würde, eines meiner Holzgrabzeichen auf dem Friedhof in Oberammergau aufzustellen. Ich würde mich aber auch schon darüber freuen, als nächstes etwas für den Cimitero di San Michele in Venedig machen zu dürfen.

Der Holzbildhauer ist ein Typus der Vormoderne

Der Handwerker von heute trägt schicke Funktionskleidung und kauft für Hunderte, ja Tausende von Euro die technologisch fortgeschrittensten Maschinen und andere Werkzeuge, die gerade neu im Angebot sind, wobei ich mit Angebot nicht das sogenannte Sonderangebot meine. Das wurde mir einmal mehr deutlich, als ich gestern in einem der einschlägigen Handwerker-Fachgeschäfte (ich rede nicht von einem sogenannten Baumarkt) eine Viertelstunde lang warten musste, weil vor mir zwei Kunden ihren Monatsbedarf an Handwerker-Hardware (in die wahrscheinlich auch allerhand Software integriert ist) deckten. Mein neu gefasster Entschluss, der handwerklichen Seite meines Berufs verstärkt Beachtung zu schenken und dafür allem „Künstlerischen“, das sich mittlerweile ins Holzbildhauer-Handwerk eingeschlichen hat, mit Argwohn zu begegnen, zeigte sich mir in diesem Viertelstündchen unter dem Aspekt der Werkzeugverwendung  als Entscheidung für einen technischen Apparat, der, von der anscheinend unverzichtbar gewordenen Kettensäge einmal abgesehen, eher ins Museum als in die Welt von Angebot und Nachfrage gehört. Technologisch gesehen ist und bleibt der Holzbildhauer ein Phänomen des 15. bis 18. Jahrhunderts. Dass mein ästhetisches Interesse neuerdings damit korrespondiert, mag erstens Zufall und zweitens eine vorübergehende Laune sein.

P. S.: Unter diesem Aspekt wird Stephan Balkenhols Entscheidung für die Verwendung von geraden Schnitzeisen verständlich als Absage an schneidetechnische Möglichkeiten, die vor drei bis fünfhundert Jahren als avanciert gelten konnten und eben darum heute als überholt anzusehen sind. Wenn Balkenhol sich handwerklich asketisch oder minimalistisch oder reduktionistisch gibt, heißt das vor allem: Ihr seht ja wohl, dass ich kein Schnitzer bin, sonst wäre ich nämlich im falschen Jahrhundert geboren worden.

P. P. S.: Ich habe kein Problem mit der Verwendung eines Schnitzeisen-Bestecks, das „heute als überholt anzusehen“ ist, wie ich oben geschrieben habe. Auch stellen sich bei mir keine ästheto-allergischen Reaktionen ein, wenn ich eine offensichtlich mit dem Hohleisen bearbeitete Holzfläche sehe (ein kettensägender Holzbildhauer-Kollege sagte mir einmal, er könne diesen Kachelschnitt nicht mehr sehen). In Zeiten, in denen der kaum noch kontrollierbare Sturz nach vorne mehr Probleme aufwirft, als man im Stürzen lösen kann, halte ich gerne und erst recht am angeblich Überholten fest.

Skulptur von Stephan Balkenhol im Eingangsbereich der Handwerkskammer Karlsruhe. Deutlich erkennbar ist die ausschließliche Verwendung eines 1er-Eisens (geradlinige Schneide) zumindest für die abschließende Bearbeitung der Holzoberfläche.

Apropos Allerheiligen

Von links nach rechts: die Apostel Paulus, Petrus, Jakobus und noch einmal Petrus – die Figuren wurden um 1740 geschnitzt von Franz Anton Kälin, sie befinden (oder befanden) sich in St. Verena im oberschwäbischen Wurzach.