Geschwister selbdritt

Eine Art Schwarz-Weiß-Pointillismus:

Christine, Oliver und Ute Deussen, 2018 (27./28.6.), Tablet-Zeichnung, Format 41:70

Malen kommt von anmalen

Hans Thoma, las ich in dem unten erwähnten Buch von Max Osborn (New Yorik 1945), soll gesagt haben: „Gut angestrichen ist halb gemalt“. Solche Sätze können nur der malerischen Praxis entstammen, die Theorie, die mit soviel hemdsärmeliger Werkstatt-Philosophie kompatibel ist, muss erst noch formuliert werden.

Das kurze Kapitel, in dem ich diesen Thoma-Satz zitiert fand, handelt von Osborns „Begegnungen mit Pissarro und Renoir“. Renoir war stolz auf seine Anfänge als Porzellan(an)maler in Limoges. Osborn schreibt: „Oft ist seine Äußerung zitiert worden, dass er mit mancher Tasse und manchem Teller, die er verzierte, zufriedener gewesen als mit Gemälden, die draussen bejubelt wurden.“ (S. 31)

Zeichnen geht immer und überall

„Zeichnen – kann man noch wo fürs‘ Malen weder Zeit noch Platz ist. Und alles zeichnen ob für ’nen Zweck ob nicht.“ So Adolph Menzel an Lucie Wolter-Sigora am 7. September 1891.

Die Staatlichen Museen zu Berlin besitzen an die 10.000 Zeichnungen aus Menzels Nachlass. Auf der Website der Adolph-Menzel-Gesellschaft stellt man folgende Überlegungen zur dann doch nicht geschätzten Gesamtzahl der Zeichnungen an: „Nimmt man nun all jene gezeichneten Blätter hinzu, die weltweit über Museen, Privatsammlungen oder Archive verstreut sind und bedenkt auch jene mit den Zeitläuften untergegangenen, erhöht sich die schiere Zahl Menzelscher Zeichnungen sicher noch erheblich. Darüber, dass Menzel gelegentlich streng selektierend mit den eigenen Werken umging, ist viel erzählt worden: Dass er beim Auszug aus einem Atelier ihm unnütz scheinende Zeichnungen dort zurückließ, dass er die vielen als nicht gelungenen erachteten Zeichnungen sofort zerriss oder dass er eine umfangreiche Mappe mit Zeichnungen der frühen Schaffensjahre, die der Bruder Richard liebevoll gesammelt hatte, nach dessen Tode vernichtete.“

Max Osborn über Adolph Menzel

Bei hochsommerlichen 30 Grad entschloss ich mich heute, mit der Lektüre von Max Osborns Der bunte Spiegel (zuerst New York 1945) zu beginnen. Der Untertitel sagt, worum es sich bei diesem Buch handelt, nämlich um „Erinnerungen aus dem Kunst-, Kultur- und Geistesleben der Jahre 1890 bis 1933“. Die dem Buch vorangestellte „Hommage von Thomas Mann“ wirkt ein wenig gestelzt und ist allzu deutlich um einen hohen Ton bemüht, entspricht damit aber in etwa dem Stil des Verfassers Max Osborn (1870-1946), einem Sohn aus gutem Hause, nämlich aus dem einer Kölner (jüdischen) Bankiersfamilie. Im Eingangskapitel Von Kunst und Künstlern handelt der erste Aufsatz von dem Maler Adolph (von) Menzel (1815-1905), das „von“ in Klammern gesetzt, weil der Adel ein persönlich erworbener war. Die Erhebung in den Adelsstand erfolgte erst als der Erhobene und gleichzeitig zum Ritter des Schwarzen Adler-Ordens Ernannte (um nicht zu sagen: Geschlagene) bereits 83 Jahre alt war in Anerkennung seiner künstlerischen Leistung.

Als Max Osborn geboren wurde, war Adolph Menzel schon in der Mitte seiner Fünfziger. Sie lernten einander kennen, als Osborn noch ein sehr junger Mann und Menzel bereits ein älterer Herr war. Zu ihm habe Menzel, schreibt Osborn, einmal gesagt: „Gezeichnet wird links, radiert rechts, gemalt mit beiden Händen“; es dürfte klar sein, dass mit „radieren“ hier nicht „ausradieren“ gemeint war. Menzel muss ein besessener Zeichner gewesen sein, der nie ohne mehrere Skizzenblöcke aus dem Haus ging. So besteht wohl sein eigentliches oder basales Werk (und hier ist mit „eigentlich“ bzw. „basal“ nicht nur auf die entmutigende Quantität, sondern auch auf die noch entmutigendere Qualität angespielt) aus tausenden von Zeichnungen, mit denen der Künstler teilweise sehr nachlässig umging, etwa indem er Blätter, auf denen sich schon Skizzen befanden, beim Aquarellieren probehalber mit farbigen Pinselstrichen bedeckte. Hätte er auf dem Tablet gezeichnet, wäre ihm das nicht passiert, aber uns wäre eine Reihe von reizvollen Palimpsesten entgangen. Dass es bei Menzel einen fließenden Übergang von der Skizze zur Malerei gab, zeigt sich an nicht wenigen Zeichnungen, die, gerade wegen des kleinen Formats, wie Schwarz-Weiß-Fotografien von Gemälden aussehen. Ich gestehe, dass mir die Skizzen, die wie Skizzen aussehen, lieber sind als die schwarz-weißen Mini-Malereien. Aber nun zeichne ich auf ein und dasselbe Blatt unversehens eine zweite Skizze, die mit der ersten, unter der Überschrift „Max Osborn über Adolph Menzel“ begonnenen, nur noch indirekt etwas zu tun hat und die mit „Über Adolph Menzel“ zu betiteln wäre. Vielleicht ein andermal, wobei daraus dann wohl eine ganze Skizzen-Serie werden müsste, denn der kleine große oder große kleine Adolph von Menzel ist mit ein, zwei Skizzen nicht zu erfassen, das Thema Menzel ist ein mäandernder Strom von einem Thema.

Richtigstellung zu Jana

Mit meiner kürzlich hier geäußerte Vermutung, dass, wo ein Janus ist, eine Jana nicht fern sein kann, lag ich natürlich richtig. Allerdings wird es sich bei ihr wohl nicht um seine Schwester, sondern um sein weibliches Gegenstück gehandelt haben. Wie es bei den Griechen Zeus und Hera gab, so bei den alten Italienern Janus und Jana – er als Welttür-Wächter und Sonnengott, sie als Mondgöttin. In der Allgemeinen Encyklopädie der Wissenschaften und Künste von 1837 heißt es dazu:

„Janus wurde in uralter Zeit, wie es scheint, von Latinern und Sabinern, als Himmelsgott verehrt. Dieses göttliche Wesen fasse man weniger bestimmt als Gottheit im Allgemeinen, wie der Ursprung der Religion überall einen mehr oder weniger reinen Monotheismus erkennen läßt. Die spätere Deutung sprach den Grundgedanken abstracter aus, und Janus wurde als mens coeli, oder als custos mundi, als Wächter am Eingang in die Welt und in den Himmel benannt. In den alten saliarischen Hymnen hieß er deum deus. Nicht entfernt hiervon lag die bestimmte sinnlich erfaßte Beziehung, in welcher der Himmelsgott als Sonnengott erschien und der Mondgöttin Jana oder Diiana gegenüber stand. So konnte Rigidius bei Macrobius den Janus dem Apollon gleichstellen. Wie im griechischen Himmel Zeus und Hera thronen, so diesseits im italischen die selbst dem Namen nach verwandten Janus und Jana.“

Janus und seine Schwestern

Jana, Tablet-Zeichnung am 15.6.2018, 70:41

Von Janus, einem der ältesten, originär römischen Götter (dem Gott des Anfangs und des Endes) heißt es unter anderem, er sei der Bruder der Entoria gewesen, die zugleich, so wollen andere erfahren haben, seine Mutter gewesen sein soll (Saturn wäre dann sein Vater gewesen). Wenn ich nun behaupte, dass Janus außerdem ein Schwester namens Jana gehabt habe, fügt das dem sagenhaften Durcheinander nur einen weiteren möglichen Erzählstrang hinzu.