Apotheose der Abstraktion – das Leben als Störung

„Wir stellen also den Satz auf: die einfache Linie und ihre Weiterentwicklung in rein geometrischer Gesetzmäßigkeit mußte für den durch die Unklarheit und Verworrenheit der Erscheinungen beunruhigten Menschen die größte Beglückungsmöglichkeit darbieten. Denn hier ist der letzte Rest von Lenbenszusammenhang und Lebensabhängigkeit getilgt [meine Hervorhebung, L. R.], hier ist die höchste absolute Form, die reinste Abstraktion erreicht; hier ist Gesetz, ist Notwendigkeit, wo sonst überall die Willkür des Organischen herrscht.“

Der Abstraktionsdrang charakterisiert sich „als ein Drang, in der Betrachtung eines Notwendigen und Unverrückbaren erlöst zu werden vom Zufälligen des Menschseins überhaupt, von der scheinbaren Willkür der allgemeinen organischen Existenz. Das Leben als solches wird als Störung des ästhetischen Genusses empfunden.“

Wilhelm Worringer: Abstraktion und Einfühlung. Ein Beitrag zur Stilpsychologie. München 1959 (zuerst: 1908), S. 54 f. und S. 59

Das Reich der Abstraktion war, als Wilhelm Worringer seine 1907 verfasste Dissertation veröffentlichte, gerade im Kommen, ihr Wille sollte bis zum Ende des Jahrhunderts immer ausschließlicher geschehen. Und erlösen sollte sie uns von dem Übel des Lebenszusammenhangs und des Menschseins. (Piet Mondrian ging ein paar Jahrzehnte später nicht ganz so weit, als er die abstrakte Kunst als wichtigen Schritt auf dem Weg zum Großen Kollektiv, zur bald vollendeten Entindividualisierung feierte.)

Schönheit und Weltgefühl bei Worringer – eine erste Skizze

„Der Wert eines Kunstwerkes, was wir seine Schönheit nennen, liegt allgemein gesprochen in seinen Beglückungswerten“, sagt der Kunsthistoriker Wilhelm Worringer, aus dessen 1908 in Buchform erschienener Dissertation ich hier schon einmal zitiert habe. Schönheit hat also nach Worringer etwas mit Beglückungswerten oder mit Beglücktwerden zu tun. Die Frage nach dem Schönen wäre demnach die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit des Glücklichseins. Der eine ist glücklich, wenn er den Tag noch vor sich, die andere, wenn sie ihn endlich hinter sich hat. Worringer spricht im Hinblick auf das Schöne, das uns glücklich macht, von psychischen Bedürfnissen, die man habe, und konstatiert eine Kausalbeziehung: „Diese Beglückungswerte stehen natürlich in einem kausalen Verhältnis zu jenen psychischen Bedürfnissen, die sie befriedigen.“ Das heißt, aus der durch ein Glückserlebnis indizierten Wertschätzung für ein Kunstwerk lässt sich rückschließen auf „die Qualität jener psychischen Bedürfnisse“, die dem Glücklichsein zugrunde liegen, wobei Qualität zunächst (aber vielleicht nicht ausschließlich) im wertneutralen Sinn verstanden werden muss. In der indirekt erkennbaren Qualität des psychischen Bedürfnisses zeigt sich nach Worringer zugleich ein psychischer Gesamtzustand, den er Weltgefühl nennt. Sage mir, welche Kunst dich beglückt und ich sage dir, welches Weltgefühl von dir Besitz ergriffen hat. Im Weltgefühl manifestiert sich das jeweilige Verhältnis der (man müsste an dieser Stelle wohl sagen: einer) Menschheit zu den Erscheinungen der Außenwelt. Zirkelschlussendlich findet das Weltgefühl „seinen äußerlichen Niederschlag im Kunstwerk, nämlich im Stil desselben, dessen Eigenart eben die Eigenart der psychischen Bedürfnisse ist.“

Worringers Kunsttheorie oder Theorie des Schönen bietet zunächst eine weitere Möglichkeit, das Theoretisieren als Kunst des hoffentlich gelingenden Zirkelschließens zu studieren. Wen das alleine noch nicht glücklich macht, dem gefällt es vielleicht, ebenso wie es mir gefallen hat, dass Worringer eine enge, geradezu identifikatorische Verbindung herstellt zwischen der Kunst, dem Schönen (gerne auch: der Schönen) und dem Glück. Wer käme 100 Jahre später noch auf diese waghalsige Idee!? Heute muss Kunst „zum Nachdenken anregen“ und dem Rezipienten eine politische oder sonstige Pose in Gestalt einer „Position“ zur Nachahmung empfehlen. Und noch etwas fand ich beim Lesen der oben zitierten Passage bemerkenswert, nämlich den eigenartigen Gebrauch des Wörtchens Menschheit, den Worringers Text als Möglichkeit zu eröffnen scheint, wenn es darin heißt: „Unter Weltgefühl verstehe ich den psychischen Zustand, in dem die Menschheit jeweils sich dem Kosmos gegenüber, den Erscheinungen der Außenwelt gegenüber befindet. Dieser Zustand verrät sich in der Qualität der psychischen Bedürfnisse […] und findet seinen äußerlichen Niederschlag im Kunstwerk, nämlich im Stil desselben, dessen Eigenart eben die Eigenart der psychischen Bedürfnisse ist.“ Nicht nur historisch, sondern auch gleichzeitig ungleichzeitig scheint es gemäß diesem Wortgebrauch mehr als nur die eine Menschheit zu geben, für die alle Wohlmeinenden immer nur das Beste wollen. So viele Weltgefühle einschließlich der ihnen entsprechenden Kunstwerke es gibt, so viele „Menschheiten“ könnten unterschieden werden. Das hielte ich für realistisch. Ob man daneben oder darüber oder jenseits davon die alles inkludierende und transzendierende Einheits-Menschheit samt Einheits-Weltgefühl und Einheits-Kunst postulieren sollte? Unter dem Decknamen der Vielfalt wird ja paradoxerweise eben dies angestrebt.

Die formende Kraft ist eine individuelle

Der Geiger und Dirigent Werner Ehrhardt sagte heute in einer Rundfunksendung, er habe mit dem von ihm gegründeten Kammerorchester Concerto Köln sehr viel (am Ende dann zu viel) Energie in gruppendynamisch-demokratische Prozesse gesteckt. Dabei habe er seine Aufgabe darin gesehen, jedem zuzuhören und möglichst viel von den Ideen aufzunehmen und mit hineinzunehmen. Dann aber, so Ehrhardt, müsse die formende Kraft einer Person ins Spiel kommen, die dem Ganzen eine individuelle und unverwechselbare Handschrift gebe. Form und Individualität scheinen zumindest in der Kunst untrennbar miteinander verbunden zu sein. Da heute alles, was nicht anerkannte Muster reproduziert, sofort Gefahr läuft, als zu eigen und zu individuell, mithin als „umstritten“ zu gelten, ist das keine triviale Feststellung mehr. Jede Form, die der Rede wert ist, weil sich in ihr kein Klischee reproduziert, korreliert mit einem unverwechselbaren Individuum. Das mögen die Wenigsten, auch wenn öffentlich das Gegenteil behauptet wird.

Im Atelier

2004 sind sie von Karlsruhe nach Kehl (zur Landesgartenschau) und wieder zurück gerollt, da waren sie noch unbunt und gerollt sind genau genommen nur die Räder des Omega-Kombis. Jetzt liegen sie im Atelier und warten auf ihren kleinen großen Auftritt im InfoCenter am Karlsruher Hauptfriedhof im Rahmen der Ausstellung HolzBilder (Tablet-Skizze am 19.5.2018).

Kleiner Wutanfall aus permanent gegebenem Anlass

Das Schöne ist nicht zuletzt das, was Menschen verbindet jenseits ihrer politischen und sonstigen Meinungen, es sei denn, jemand ist durch das Partei-Politische schon so verdorben, dass er nicht mehr dazu in der Lage ist, das Schöne schön zu finden und zu nennen, sondern zuerst einmal wissen will, wer das wann und in welchem politisch-sozialen Kontext geschaffen beziehungsweise gemacht hat. Das Schöne ist das Verbindliche, sobald man seine Verbindlichkeit anerkennt. Als Künstler, besser gesagt: Proto-Künstler, entscheidet man sich entweder für den Positionismus oder für das Schöne, das die einzig mögliche, universelle Position eines Künstlers ist. Jeder der als angeblicher Künstler eine sogenannte Position einnimmt, ist keiner. Das Schöne ist verbindlich, die Position ist unverbindlich, zufällig, von momentanen Interessen bestimmt, ein letztlich medial definierter (also nur scheinbar frei gewählter) Ort, an dem man eine Pose einnimmt, solange es politisch opportun oder finanziell einträglich ist oder aus anderen Gründen angebracht zu sein scheint. Man nenne mir einen Künstler, der sich zum Schönen bekennt und gleichzeitig eine sogenannte Position für sich reklamiert. Statt „zeitgenössische Kunst“ sage man getrost „Positionentheater“. Der Abstand zwischen der Kunst und der zeitgenössischen Kunst, also dem Positionen-Schaulaufen von Saison zu Saison, wird von Jahr zu Jahr größer. Welcher bildende Künstler, dem es um die Kunst im Sinne des Guten, Wahren und Schönen geht, mag sich noch Künstler nennen, wenn dieser Name zugleich und vor allem von den bedenkenlos drauflos bastelnden Kreativen und den akademisch (un)geschulten Positionen-Behauptern beansprucht wird. Ende des Wutanfalls.