Daily Dali 14 – Zwischenbilanz

„Lassen Sie uns also Dalis Situation zu Beginn dieser entscheidenden Nachkriegszeit zusammenfassen: Von der Schule geworfen, soll Dali seine Studien zum Bakkalaureat fortsetzen; von Heuschrecken gemartert und gepeinigt [er litt unter einer Heuschreckenphobie, L. R.], vor Mädchen davonlaufend, stets von der chimärischen Liebe zu Galuschka durchdrungen, hat er ‚es‘ noch nicht erlebt; er hat Schamhaare bekommen; er ist Anarchist, Monarchist und Anti-Katalanier; er stand wegen eines angeblichen antipatriotischen Sakrilegs [vermeintliches Verbrennen einer spanischen Flagge, L. R.] unter Anklage; während einer Pro-Alliierten-Veranstaltung hat er [anstatt die bei ihm bestellte Rede zu halten, L. R.]  ‚Lang lebe Deutschland! Lang lebe Rußland!‘ gerufen und den Tisch ins Publikum gestoßen; schließlich hätte er um ein Haar bei der Erfindung des ‚Gegen-U-Bootes‘ den Tod gefunden! Wie großartig er ist! Seht, wie groß Salvador Dali ist!“ (170)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)

Daily Dali 13 – Die Früchte des Ersten Weltkriegs

„Meine Erinnerungen an den Krieg sind allesamt angenehm, denn Spaniens Neutralität führte mein Land in eine Periode der Euphorie und des raschen wirtschaftlichen Aufschwungs. Katalonien brachte eine saft- und kraftvolle Flora und Fauna von Neureichen hervor, die, wenn sie in Figueras wuchs, ‚einer ländlichen Gegend des Ampurdán, wo Wahnsinn sich aufs reizendste mit Wirklichkeit paart‘, ein ganzes Füllhorn malerischer Typen hervorbrachte, deren Taten in einer lebendigen, lodernden Folklore Blüten trieben und die für die Elite unserer Mitbürger eine Art siedend heißer geistiger Nahrung darstellten, welche als Beilage zur irdischen Alltagskost gereicht wurde – und die war auch schon sehr gut, muß man wirklich sagen.“ (S. 163)

Über die Neureichen gab es unzählige komische Anekdoten. „Diese Anekdoten wurden so berühmt wie die aus Marseille. Aber wenn sie die Grenze passieren, verlieren sie ihren feinen, prickelnden Reiz. Man muß sie an Ort und Stelle genießen.“ (S. 163)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)

Daily Dali 12 – Lokalpatriotismus versus Lokalfanatismus

„Nachdem ich der Anstalt einmal mehrere Tage lang wegen meiner üblichen Halsentzündungen ferngeblieben war, kam ich eines Morgens zurück, um wieder am Unterricht teilzunehmen. Als ich eintraf, bemerkte ich eine aufgeregte Gruppe von Schülern, die im Kreis zusammenstanden und alle aus vollem Halse schrien. Plötzlich sah ich eine Flamme aus der Mitte des erregten Haufens emporschießen, gefolgt von einem Wirbel schwarzen Rauchs. Das war geschehen: Damals hatte sich eine starke separatistische Bewegung entwickelt, die mit gewissen gleichzeitigen politischen Ereignissen zu tun hatte, die gerade am Tag zuvor in den Zeitungen gemeldet worden waren, und die Schüler hatten nichts Geringeres getan, als eine spanische Flagge zu verbrennen!“ (S. 153)

Die Fahnen-Verbrennung bleibt natürlich an Dali hängen, wobei er wegen seiner Jugend nicht dafür zur Rechenschaft gezogen werden kann. Trotzdem meint er auf der Straße Blicke zu bemerken, „die bedeuteten: ‚Das ist der Sohn von Dali, dem Notar. Er hat die Fahne verbrannt!'“ Dali war indes weit davon entfernt, den von ihm als gewöhnlich und elend empfundenen Lokalpatriotismus der Separatisten zu teilen. (S. 155)

„Zu der Zeit fühlte ich mich als ‚hundertprozentiger Anarchist‘, aber es ging da um meine eigene, ganz besondere und unsentimentale Anarchie, eine Anarchie, in welcher ich als der oberste und launenhafte Chaot hätte herrschen können – eine anarchistische Monarchie, mit mir als dem absoluten König an der Spitze“. (S. 155)

„Ich entwickelte die Idee der anarchistischen Monarchie 1922 in Madrid weiter, wobei ich den bissigsten Humor mit einer Reihe asozialer und apolitischer Paradoxa verband, die zumindest den Vorzug hatten, eine schlagende polemische Waffe abzugeben, mit der ich mich amüsieren konnte, indem ich eine Saat des Zweifels ausstreute und die politischen Überzeugungen meiner Freunde erschütterte.“ (S. 155, Anmerkung)

„Meine Sommer waren heilig und ich erlegte mir einen strengen Zwang auf, um sie vom Makel des Verdrusses freizuhalten. Ich fieberte dem Ferienbeginn entgegen. Er war immer kurz vor dem Johannistag; und seit frühester Kindheit erinnere ich mich, diesen Tag immer am selben Ort, in einem weißgetünchten Dorf am Ufer des Mittelmeeres, in Cadaquéz verbracht zu haben! Das ist der Ort, den ich mein ganzes Leben und mit jedem Tag mehr mit fanatischer Treue geliebt habe.“ (156)

So etwas wie „Landschaft“ gibt es „einzig an den Küsten des Mittelmeers und nirgends sonst. Aber das Merkwürdigste ist, daß die Gegend, wo diese Landschaft am besten, am schönsten, am überragendsten und am intelligentesten wird, exakt die Umgebung von Cadaquéz ist“. (S. 158)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)

Daily Dali 11 – Vom Kinderkönig zum Anarchisten

„Meine Jugend war durch eine bewußte Verstärkung all der Mythen, Manien, Schwächen, Talente, Genie- und Charakterzüge gekennzeichnet, die sich bereits in meiner frühen Kindheit abgezeichnet hatten.
xxxxxIch wollte mich in keiner Weise verbessern, ich wollte mich nicht verändern; immer mehr beherrschte mich der Wunsch, meine Art zu leben auf jeden Fall durchzusetzen und zu forcieren.
xxxxxAnstatt mich weiter am stehenden Gewässer meines frühen Narzißmus zu erfreuen, kanalisierte ich es; die wachsende, heftige Bejahung meiner Persönlichkeit wurde bald in einem neuen sozialen Handlungsinhalt sublimiert, welcher bei den heterogenen, gut ausgeprägten Neigungen meines Geistes nur unsozial und anarchistisch sein konnte.
xxxxxDer Kinderkönig wurde ein Anarchist. Ich war gegen alles, systematisch und aus Prinzip. […] Mein fortwährendes, tolles Bedürfnis, mich ‚anders‘ zu fühlen, ließ mich vor Wut heulen, wenn eine Übereinstimmung mich zufällig in dieselbe Kategorie wie andere bringen sollte. Vor allem und um jeden Preis: Ich – nur ich! Nur ich! Nur ich!“ (S. 146)

„die geheiligte Sicherheit der blutigen Grenzen meiner Einsamkeit“ (S. 146)

„Vor Mädchen lief ich davon […]. Trotzdem faßte ich den Plan, ‚ununterbrochen verliebt‘ zu sein; doch war er völlig arglistig und einem subtilen jesuitischen Geist entworfen, welcher mich befähigte, von vornherein jede materielle Möglichkeit einer wirklichen Begegnung mit den Wesen, die ich zu Heldinnen meiner Liebschaften erkor, auszuschließen.“ (S. 146)

„Ich muß zugeben, daß katastrophalste Zufälle den theatralischen Charakter der banalsten meiner Handlungen steigerten und damit in entscheidender Weise zu dem Mythos beitrugen, der meine anfangs so unverständliche Person bereits in jungen Jahren mit den Nebeln göttlichen Ruhms zu umhüllen begann.“ (S. 149)

„Ich begann nun Gegenstand einer höchst interessanten Kontroverse zu werden: Ist er verrückt? Ist er nicht verrückt? Ist er halb-verrückt? Zeigt er die Anfänge einer außerordentlichen, aber abnormen Persönlichkeit? Letztere Meinung wurde von mehreren Lehrern geteilt – denen für Zeichnen, Handschrift und Psychologie. Der Mathematiklehrer andererseits behauptete, meine Intelligenz liege weit unter dem Durchschnitt. In einem Punkt wenigstens nahmen die Zweifel stetig ab: Wann immer etwas Ungewöhnliches geschah, wurde es automatisch mir zugeschrieben; und während ich ‚einsamer‘ und ‚einzigartiger‘ wurde, wurde ich eben dadurch jeden Tag ’sichtbarer‘ – je geheimnisvoller ich mich machte, desto mehr wurde ich beachtet. Schließlich begann ich meine Einsamkeit zur Schau zu stellen, war stolz darauf, als sei sie meine Geliebte, die ich zynisch vorführte im Glanz all des aggressiven Geschmeides meiner dauernden Huldigung.“ (S. 153)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)

Künstlerische Theorie und digitale Praxis

Es gibt beim künstlerischen Tun kein absolut gutes oder schlechtes Werkzeug, ein Werkzeug (auch ein „tool“) ist immer nur in Bezug auf bestimmte Zwecke gut oder schlecht geeignet, um dieses oder jenes damit zu erreichen. Lässt man sich auf die mit einem konkreten Instrument gegebenen Möglichkeiten vorbehaltlos und ohne vorformulierte Absicht ein, dann ist das eine Mittel ebenso tauglich wie das andere. Die Höhlenmaler vor fünfzehn bis vierzigtausend Jahren schufen Großes und hatten doch nicht mehr als ihre Hände, irgendwelche Stöcke und Steine nebst Erde oder Ähnlichem zur Hand. Auch mit einem stumpfen Schnitzmesser kann man in „schlechtem“ Holz Beeindruckendes zustande bringen, wenn man es kann. (Natürlich darf man dann keine fein gearbeiteten gotischen Madonnen schnitzen wollen.) Auch mit einem einfachen und relativ bescheiden funktionierenden Zeichenprogramm kann man auf einem billigen Tablet schöne Bilder zeichnen und malen, wenn man es kann. (Hemmnisse können beim Zeichnen und Malen mitunter „kreativ“ machen, aber natürlich dürfen einem dann keine quadratmetergroßen, gestochen scharfen fotorealistischen Bilder vorschweben.) Der Dilettant zeichnet sich dadurch aus, dass er meint, nur mit dem avanciertesten technischen Apparat ließen sich die guten bis sehr guten Resultate erzielen.

So sprach der Künstler heute Vormittag in und aus mir. Der zunehmend mit seinem Tun und Lassen einverstandene und von seinem Werkzeug faszinierte digital artist, der ich „daneben“ auch noch bin, will und wird sich nichtsdestotrotz und sobald wie möglich ein iPad zulegen.

(Ich gehöre übrigens seit gestern Abend zur Autodesk-Community und stelle fest: Auch andere User leiden darunter, dass die jüngste Version von SketchBook nur mit einer höchst ärgerlichen Verzögerung – im Englischen: lag, oder lagging – auf meine beziehungsweise unsere zeichnerischen Griffel- oder Mittelfinger-Bewegungen reagiert.)

Daily Dali 10 – Wolkenkämpfe und erleuchtete Scheinheiligkeit

„Alsbald löste sich eine der Wolken, die rasch bis zu dem Punkt angeschwollen war, da sie die Gestalt eines kolossalen Elephanten mit einem Menschengesicht angenommen hatte, in zwei große Teile auf, die ihrerseits schnell, und bevor man noch Zeit hatte, es vorauszuahnen, in die muskelsteifen Körper zweier riesiger bärtiger Ringer überging, von denen einer einen mächtigen Hahn auf dem Rücken trug. Diese beiden Kämpfer gerieten nun heftig aneinander, und die kobaltblaue Himmelslücke, die sie in ihrem definitiven Streit noch trennte, wurde rasch kleiner. Der Zusammenprall war von solcher Grausamkeit, daß die Langsamkeit ihrer Gebärden den Clinch nur noch unmenschlicher machte. Ich sah die beiden Körper sich mit ohnmächtiger träger Wucht gleichzeitig gegenseitig durchdringen, was sie augenblicklich zerstörte und sie zu einer einzigen und einzigartigen Zusammenballung verschmolz, in der beide ihre Individualität auslöschten, die jetzt in Formlosigkeit zerstob.“ (S. 137)

„Mit erleuchteter Scheinheiligkeit – sie läßt mich in den entscheidenden Momenten meines Lebens nie im Stich – sagte ich zu ihr:“ (S. 140)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)

Was hier nicht unterschlagen werden soll, was aber nicht zitiert, sondern nur nacherzählt werden kann, am besten jedoch selbst nachzulesen ist, sind die Episoden exquisit tyrannischer Launenhaftigkeit, die sich der präpubertäre Knabe insbesondere gegenüber einem zwei Jahre älteren (seinerseits nicht wirklich unschuldigen) hübschen Bauernmädchen („Dullita“) leistet. Seinen sadistisch motivierten Grobheiten liefert sie sich in bereitwilligem Widerstreben unfreiwillig freiwillig aus – und begibt sich mit ihrer erotisch aufgeladenen Duldsamkeit zuletzt sogar scheinbar oder tatsächlich in Lebensgefahr. (S. 132-142)

Daily Dali 9 – Vernichtung und Sublimation

Meine Gewohnheiten „herrschten schon damals als höchste Gebieterinnen meines Schicksals, und jede Regelverletzung wurde unverzüglich mit einer Dosis Qual und Schuldgefühl bezahlt“. (S. 121)

„Schon zum zweitenmal hatte es Dullita [ein zwölfjähriges Bauernmädchen] einzig durch ihre kurze Anwesenheit geschafft, die Konstruktion des narzißtischen Tempels meiner heiligen Einsamkeit zu stören, zu vernichten und zugrunde zu richten, an dessen Wiederaufbau ich seit meiner Ankunft im Mulí de la Torre mit so viel Strenge und zerebraler Intensität gearbeitet hatte.“ (S. 122, Dali ist neun oder zehn Jahre alt.)

Ich dachte, ich könnte „das Beste aus meiner Qual machen, sie auf den Erfolg meines geplanten Kunstwerkes hin dirigieren und dadurch die reine ‚Anekdote‘ meines Zustandes der Unruhe in die ‚Kategorie‘ einer ästhetischen Erfüllung sublimieren.“ (S. 122)

„und feine, kühle Schauer stiegen meinen Rücken empor, verbreiteten sich flächenartig über den Nacken, sanken zurück und erfaßten meinen ganzen Körper wie ein Feuerwerk zum Bankett der Apotheose meines Entsetzens.“ (S. 123)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)

Daniel Garber

Daniel Garber (1880-1958) war ein amerikanischer Impressionist und Landschaftsmaler. Wenn man Wikipedia (englisch) glauben darf, findet man seine Gemälde in den Sammlungen der großen amerikanischen Museen. Ich irre mich hoffentlich, wenn ich behaupte, dass man ihn hierzulande nicht kennt. Der kleine Youtube-Film pflegt die grauenhafte Unsitte des Auf-die-Bilder-zu-Zoomens. Gleichwohl verschafft er einem einen kleinen Einblick in Garbers Werk.

Daily Dali 8 – Disziplin und heißer Milchkaffee: bei den Pichots

„Ich war ausdauernd und bin es immer noch. Meine Einsamkeitsmanie wuchs, pathologisch durchblitzt“. (S. 99)

„Ich sah verkleinerte Bilder hin und her wandern – Karren und Menschen, die sich auf der Straße bewegten -, die auf den Kopf gestellt an die Decke projiziert wurden“. (S. 101)

„Meine Liebe zu Dullita (deren Gesicht ich noch nicht gesehen hatte) verbreitete sich auf alles und wurde ein so allgemeines Gefühl, daß die Vorstellung auch nur der leisesten Möglichkeit, sie könnte wirklich anwesend sein, mich erschreckt und enttäuscht hätte; ich wollte sie anbeten und gleichzeitig einsamer, auf grausame Weise einsamer sein als je zuvor!“ (S. 104)

„und von da an konnte das stehende, faulig werdende Gewässer meiner Ungeduld stürmisch vorwärtsfließen, so wie Kaskaden von Schwindligkeit auf stagnierende Gefühle folgen, die lang vom Damm der Zensur zurückgehalten wurden, der den melancholischen Lauf des majestätischen Kanals des Lebens lenkt.“ (S. 105)

„Weiter weg sah man den langsamen Lauf eines Flüßchens in den Mühlendamm strömen; dahinter begannen die Grenzen jener irdischen Paradiese der Küchengärten, die als Vordergrund fungierten und wie Girlanden einer ganzen Landschaftstheorie aussahen, die von den gestaffelten Hochebenen gekrönt wurde, deren leonardeske Geologie in der Strenge des Aufbaus mit den harten analytischen Silhouetten der bewundernswert gezeichneten Wolken des katalanischen Himmels wetteiferte.“ (S. 105)

„Das systematische Prinzip, das den Ruhm des Salvador Dalis ausmacht, begann sich also zu dieser Zeit in einem wohlbedachten Programm, das all meine Impulse abwog, zu manifestieren, einem jesuitischen und peinlich genauen Programm, in welchem ich nicht nur die Ereignisse, sondern auch die Gefühle, die ich aus ihnen gewinnen würde, für die gesamte Dauer meines Aufenthalts, der so bedeutsam zu werden versprach, vorausplante. Aber mein systematisches Prinzip bestand ebenso aus dem perversen Vorbedacht dieses Programms wie aus der Strenge und Disziplin, die ich, war der Plan einmal beschlossen, bei seiner strikten und kompromißlos genauen Ausführung walten ließ.“ (S. 105)

„Im Eßzimmer gab es einen Karaffenverschluß aus Kristall, durch den alles ‚impressionistisch‘ wurde. Diesen Stöpsel trug ich oft in der Tasche, um die Gegend durch das Kristall zu betrachten und sie ‚impressionistisch‘ zu sehen.“ (S. 107)

„Hier ist also das neurotische Programm meiner intensiven Frühlingstage.“
xxxxx[Gemeint sind die „kostbaren Tage in jenem unvergesslichen Mulì de la Torre“ bei Familie Pitchot (oder Pichot), zu der Dali als knapp zehnjähriger Knabe zur Erholung geschickt worden war.]
xxxxx„Zehn Uhr morgens – Aufwachen, ‚variierter Exhibitionismus‘, ästhetisches Frühstück vor Ramon Pitchots impressionistischen Gemälden, heißen Milchkaffee über die Brust gießen, ins Atelier. Elf bis halb eins – Bilderfindungen, Wiedererfindung des Impressionismus, Bestätigung und Wiedergeburt meines ästhetischen Größenwahns.“ (S. 112)

Bei Wikipedia heißt es über jenen Ramon Pitchot oder Pichot, vor oder unter dessen Gemälden der junge Dali sein ästhetisches Frühstück zu sich nahm: „Pichot i Gironès war bekannt als früher Mentor des jungen Salvador Dalí. Dalí lernte Pichot als Zehnjähriger in Cadaqués, Spanien, kennen. In Cadaqués hatte die Familie Pichot ein Sommerhaus.“

Ramon Pichot: Sa-Sabolla-Bucht bei Cadaqués, ca. 1900

Daily Dali 7 – Ein König in der Wanne

„Ich könnte endlos weitererzählen, was ich alles in meiner Waschwanne erlebte, doch eines ist sicher, nämlich, daß die erste Prise Salz und Pfeffer meines Humors dort entstanden. Ich fing schon an, mich zu testen und zu beobachten, während ich lustvolles Augenzwinkern mit einem leisen, boshaften Lächeln begleitete, und undeutlich, vage wußte ich, daß ich dabei war, die Rolle eines Genies zu spielen. Oh Salvador Dali! Du weißt es jetzt: Wenn du Genie spielst, wirst du auch eins!“ (S. 95)

„Mein ganzes Leben ist von diesen beiden antagonistischen Vorstellungen bestimmt worden, dem Oben und dem Unten. Seit meiner frühesten Kindheit habe ich mich verzweifelt bemüht, ‚oben‘ zu sein. Es ist mir gelungen, und jetzt, wo ich da bin, werde ich dort bleiben, bis ich sterbe.“ (S. 96)

„Was ist das Niedrige? Niedrig ist: Chaos, Masse, Kollektiv, Promiskuität, Kinder, der gemeine Fundus obskurer menschlicher Torheiten, Anarchie; das Niedrige ist das Linke. Zur Rechten, oben, findet man Monarchie, die Kuppel, Hierarchie, Architektur und Engel.“ (S. 99)

Maler verfügen „über ein Inspirationswerkzeug […], das dem der Dichter weit überlegen ist, nämlich das Auge“. (S. 99)

„So saß ich also, um das Gesagte zusammenzufassen, zu Beginn meines neunten Lebensjahres, ich, ein solitäres Kind, ein König, in der Wanne, oft mit Nasenbluten, oben auf dem Dach, auf dem Gipfel! Unter mir alles andere, all dies Kanonfutter, aus einer Biologie, der jede Qual fehlte, all diese Nasenhaare, Mayonnaise, trudelnden Kreisel, Fegefeuerseelen, schwachsinnige Kinder, die alles lernten, was verlangt wurde, dieser Kochfisch usw. usw. Nie wieder wollte ich hinuntergehen in die Straßen des Geistes, um auch nur irgendetwas zu lernen. Schließlich war ich ja seit ewigen Zeiten verrückt, und selbst diese verflixte Rechtschreibung, warum sie noch einmal lernen, wenn ich sie vor mindestens zweitausend Jahren schon vergessen hatte!“ (S. 99)

Salvador Dali: „Studio in the Laundry“ (in: „Das geheime Leben des Salvador Dali“)

Daily Dali 6 – Das erste Atelier

„Seit einiger Zeit fragte mich meine Mutter: ‚Schatz, was möchtest du gern? Schatz, was wünschst du dir?‘ Ich wußte, was ich wollte. Ich wollte eines der beiden Waschzimmer oben auf dem Dach, die zur Terrasse gingen und, da sie nicht mehr benutzt wurden, bloß noch Lagerräume waren. Und eines Tages bekam ich es und durfte es als Atelier benutzen. Die Hausmädchen gingen hinauf, räumten alle Sachen heraus und steckten sie in einen nahen Hühnerkorb. Und am nächsten Tag konnte ich von der Waschküche Besitz ergreifen, die so klein war, daß das Zementbecken fast den ganzen Raum einnahm, bis auf die Standfläche, die unbedingt für die Wäscherin benötigt wurde. Aber die äußerst begrenzten Abmessungen meines ersten Ateliers entsprachen perfekt den Erinnerungen an die intrauterinen Freuden, die ich beschrieben habe.
xxxxxDemgemäß richtete ich mich dort folgendermaßen ein: Meinen Stuhl setzte ich in das Zementbecken, und das hochstehende Holzbrett (das die Kleidung der Wäscherin vor dem Wasser schützt) legte ich waagrecht oben drüber, so daß es das Becken halb bedeckte. Das war mein Arbeitstisch! An sehr heißen Tagen zog ich mich manchmal aus. Dann brauchte ich nur den Hahn aufzudrehen, und das Wasser, das das Becken füllte, stieg an meinem Körper bis zur Gürtellinie hoch. Dieses Wasser, das aus einem Reservoir kam, auf das den ganzen Tag die Sonne brannte, war lauwarm. Man fühlte sich wie in Marats Badewanne.“ (S. 92 ff.)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)

Daily Dali 5 – Zen und Philipp II. von Spanien

„Mir war die Maxime von Philipp II. gegenwärtig, der einmal zu seinem Diener sagte: ‚Zieh mich langsam an, denn ich habe es sehr eilig.'“ (S. 81)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)

Philipp II. von Spanien (1527-1598) musste dreimal den Staatsbankrott erklären, heiratete mal diese, mal jene hochadelige Dame (eine davon war die elf Jahre ältere „Bloody Mary“ Stuart, die er dann scheinschwängerte), führte ununterbrochen irgendwelche Kriege und endete mit Gicht im Rollstuhl.

Daily Dali 4 – Das wahr-scheinliche Funkeln der falschen Erinnerungen

„Die anderen Kinder tobten um meine einsame Schweigsamkeit herum, wie von einem dauernden Wirbelwahn besessen. Dieses Spektakel erschien mir vollkommen unverständlich. Sie schrieen, spielten, prügelten sich, weinten, lachten, hasteten umher mit all der obskuren Lebensgier, Stücke lebenden Fleisches mit Zähnen und Klauen herauszureißen, wobei sie den üblichen angestammten Schwachsinn zur Schau stellten, der in jedem gesunden biologischen Exemplar schlummert und der den normalen Nährstoff für die praktische und tierische Entwicklung des ‚Realitätsprinzips‘ bildet. Wie weit war ich dagegen entfernt von dieser Entwicklung eines ‚praktischen Realitätsprinzips‘ – eigentlich am anderen Pol! Ich steuerte eher in die entgegengesetzte Richtung: Jeden Tag wußte ich weniger gut Bescheid, wie man etwas zu tun hatte!“ „‚Praktisches Handeln‘ war mein Feind, und die Objekte der äußeren Welt wurden zu Wesen, die täglich furchterregender waren.“ (S. 55)

„Was tat ich während eines ganzen Jahres in dieser unseligen Schule? Nur eines, das aber mit verzweifeltem Eifer: Ich fabrizierte ‚falsche Erinnerungen‘. Der Unterschied zwischen falschen und wahren Erinnerungen ist derselbe wie bei Juwelen: Es sind immer die falschen, die am echtesten, am brillantesten wirken.“ (S. 56)

„authentische falsche Erinnerungen“ (S. 56)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)

Tausendfünfhundert Dalis an einem Ort versammelt – Eintritt frei

Hier der ultimative Link zu einer der umfassendsten Internet-Bildersammlungen, die ich kenne – mit 1.500 Werken von Salvador Dali, schön übersichtlich nach Techniken und Entstehungszeiträumen geordnet: die Salvador-Dali-Gallery. Leider gibt es die Große Dali-Tour nur in geringer Auflösung, so dass man nicht viel mehr als einen Überblick bekommt. Aber was heißt „nicht viel mehr“. Und was im Netz eher die Ausnahme als die Regel ist: zu jedem Bild werden Titel, Entstehungsjahr, Technik und Maße angegeben – letztere sogar in korrekter Notation: erst die Höhe, dann die Breite.

Daily Dali 3 – Killing her softly

„Gala, Galuschka, Galuschkineta!“ (37)

1936 in Paris: „Es kam der Sonntag, da Gala [nach einer Operation] endgültig außer Gefahr war und die Todesstunde im Festkleid respektvoll auf den Zehenspitzen zurückwich. Galuschka lächelte, und zuletzt hielt ich ihre Hand an meine Wange gedrückt. Und zärtlich dachte ich: ‚Nach alledem könnte ich dich umbringen!“ (37)

In Begleitung von Stefan Zweig und Edward James trifft sich Dali in London mit Siegmund Freud. Dieser starrt Dali die meiste Zeit nur intensiv an.: „Angesichts seiner unerschütterlichen Gleichgültigkeit wurde meine Stimme unwillkürlich schärfer und drängender. Dann, mich weiter mit einer Festigkeit, in der sein ganzes Wesen sich zu verdichten schien, anstarrend, rief Freud, Stefan Zweig zugewandt, aus: ‚Nie sah ich jemanden, der so durch und durch Spanier war. Welch ein Fanatiker!“ (39 f.)

Dali ist entzückt vom Dehnbaren und Amorphen, von allem, was sich falten, zusammenlegen, zusammenrollen und in unterschiedliche Richtungen drücken lässt: „Technische Gegenstände sollten später für mich die größten Feinde werden, und was Uhren angeht, so mußten sie weich sein oder gar nicht sein!“ (47)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“)

Posthume Namensänderung

Als Clara Henriette Sophie Westhoff Rainer Maria Rilke ehelichte, war sie 22 Jahre alt. Fortan hieß sie Clara Rilke, allenfalls mit dem Zusatz: geborene Westhoff. Als die Bildhauerin und Malerin am 9. März 1954 in ihrem 76sten Lebensjahr starb, hatte sie praktisch während der ganzen Zeit ihres Erwachsenenlebens den Nachnamen Rilke getragen und noch in den 1950er Jahren, da war sie schon in ihren 70ern, ihre Bilder mit „Clara Rilke“ signiert. Gleichwohl nehmen es sich die Wikipedia-Schreiber heraus, Clara posthum von ihrem „Rilke“ zu befreien und ihr den (ironischerweise väterlichen) Namen Westhoff anzuhängen beziehungsweise zurückzugeben.  Der feministisch motivierten wikipedischen Zwangsnamensänderung vorangegangen sind die mittlerweile üblichen Halb-Umbenennungen in Rilke-Westhoff oder – schon in die politisch korrekte Richtung weisend – Westhoff-Rilke. Geschichtsklitterung im selbst erteilten Auftrag übergeordneter, vermutlich als überzeitlich verstandener Ideen und Ideale. „Gott ist tot“, sagte Nietzsche, doch muss man hinzufügen: das Prinzip Vergottung, nämlich der Vergottung sogenannter Werte, schreitet dennoch oder gerade deshalb ohne Rücksicht auf Verluste siegreich voran.
xxxxxClara Rilke war eine gute, Rodin hin oder her, tief in der Tradition wurzelnde (beinahe klassizistische) Porträt-Bildhauerin. Hätte sie nicht den 1901 noch weitgehend unbekannten Herrn Rilke geheiratet, sondern irgendeinen nachhaltig namenlosen Nobody, oder wäre sie ledig und also zeitlebens Clara Westhoff geblieben – niemand wäre auf die Idee verfallen, sie als Künstlerin rehabilitieren oder gar posthum ihren Familiennamen ändern zu sollen.
xxxxxUnten ein Landschafts-Bild aus ihrem letzten Lebensjahrzehnt, das mir sehr gut gefällt, und das ich zu Ehren aller anderen nicht verkannten, sondern einfach nur unbekannten Künstlerinnen und Künstler in meine Sammlung aufnehme.

Clara Rilke: Sonntagmorgen auf den Wümmewiesen, 1952, Öl auf Holz, 45 x 54cm, signiert: Clara Rilke, Fischerhude ’52

P. S.: Die Nazis fanden Clara Rilkes Kunst übrigens so tadellos, dass sie der Rilke-Witwe zwei Porträt-Köpfe ihres 1925 verstorbenen Ehemanns abkauften. Denn der Führer bewunderte den Dichter sehr. Anderen Künstlern hätte dieser Umstand den Vorbehalt „muss möglicherweise als ‚als umstritten geltend‘ bezeichnet werden“ eingetragen. Clara kam, soviel ich weiß, ungeschoren davon. Möglicherweise, weil sie schon als „im Schatten ihres berühmten Ehemanns stehend“ gilt. Es hat eben alles seine Vor- und Nachteile.

Daily Dali 2 – Der objektive Zufall eines plötzlichen Herzversagens

„[…] im großen und ganzen habe ich den hysterischen und überstürzten Weg meines Verhaltens nie vorhersehen können, noch weniger das Endergebnis meiner Taten, deren erster Zuschauer oft ich selbst bin und die auf ihrem Höhepunkt immer das schwere, kategorische und verhängnisvolle Gewicht von Bleikugeln annehmen.“ (S. 23)

„1926. Ich studierte an der Kunsthochschule in Madrid. Das Verlangen, dauernd, systematisch und um jeden Preis genau das Gegenteil dessen, zu tun, was jedermann sonst tat, trieb mich zu Extravaganzen, die in Kunstkreisen bald berüchtigt wurden.“ (S. 29)

„Ich scheine zu trotziger Exzentrizität verurteilt, ob ich will oder nicht.“ (31)

„Ein nicht voraussagbarer, zuverlässiger und objektiver Zufall scheint systematisch mein Leben ausgewählt zu haben, um aus normalerweise belanglosen Vorfällen gewaltige, phänomenale und denkwürdige zu machen.“ (33) Gleich darauf folgt Anekdote XI des 1. Kapitels „Selbstporträt in Anekdoten“:
xxxxx„1928 hielt ich einen Vortrag über moderne Kunst in meiner Heimatstadt Figueras, wobei der Bürgermeister den Vorsitz führte und eine Anzahl bekannter Persönlichkeiten anwesend waren. Die Zuhörerschaft war ungewöhnlich zahlreich. Ich hatte meine Rede beendet, der man offenbar mit höflicher Verwirrung gefolgt war, und das Publikum gab nicht zu erkennen, daß es die Endgültigkeit meines letzten Absatzes begriffen hätte. In plötzlicher hysterischer Wut schrie ich aus voller Lunge: ‚Meine Damen und Herren, die Vorlesung ist BEENDET!‘
xxxxxIn diesem Moment sank mir der Bürgermeister, der sehr populär war und den wirklich die ganze Stadt liebte, tot zu Füßen. Die Erregung war unbeschreiblich, und das Ereignis schlug hohe Wellen. Die Witzblätter behaupteten, die in meinem Vortrag gebrachten Ungeheuerlichkeiten hätten ihn getötet. Tatsächlich war es einfach ein plötzlicher Todesfall – Angina pectoris, glaube ich -, der zufällig genau am Ende meiner Rede eintrat.“ (33)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)

Die Rilkes 1901

Ich habe mehrfach aus Rainer Maria Rilkes Briefen an seine Frau Clara zitiert. Hier sieht man die beiden nach ihrer Heirat (die Tochter Ruth war unterwegs) im Jahr 1901. Hatte der Fotograf vergessen, „bitte lächeln“ zu sagen – oder war das damals noch nicht üblich?

Daily Dali 1 – Der wachsame Ekel

„Meine Bezugswelt war von der sicheren Siegesstraße der erogenen Zone meines geliebten Mundes geprägt.“ (S. 16) Und: „Und natürlich steht stets der Wächter des Ekels bereit, umsichtig und voll strenger Sorge, voll feierlicher Achtsamkeit auf die genaue Wahl meiner Speisen.“ (S. 21)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)

Für Zurückhaltung in den Bildtiteln

In einem Brief vom 15. Oktober 1907 erzählt Rilke seiner Frau Clara von einer Wiederbegegnung mit Zeichnungen von Auguste Rodin. Aber einige in der Sammlung kannte er noch nicht. Es waren kolorierte Zeichnungen von Tänzerinnen, die ihn, wie er schreibt, an Herbariumblätter erinnerten: „Natürlich las ich, bald nachdem ichs gedacht hatte, in seiner glücklichen Schrift irgendwo: ‚Fleurs Humaines‘: Fast schade, daß er nicht uns überläßt, so weit zu denken: es liegt ja auf der Hand.“ Wir notieren uns: In den Bildtiteln keine möglicherweise unerwünschte (da die Weiterdenk-Fähigkeit des Betrachters infrage stellende) Assoziationshilfestellung leisten.