22. August 2017

„Sommerpause“ schreiben andere ohne Angabe von Zeit und Ort oder sonstigen Gründen, um zu erklären, warum seit dem Soundsovielten kein Journaleintrag mehr hinzugekommen ist. Also dann: Auch wir sind in den Ferien. Und zwar, wie nach dem letzten Eintrag schon zu vermuten war, in Frankreich. Genauer: an der Mündung der Gironde. Aber was heißt Ferien! Machen Künstler Urlaub? Zeichnen, schreiben, lesen und „Eindrücke sammeln“  – das ist doch das, was wir Künstlerisch-Tätigen normalerweise unsere Arbeit nennen. Ich korrigiere mich also: Ich bin am Arbeiten. Und das noch acht, neun Tage lang.

11. August 2017

Ce soir à Orléans.

Man ist beinahe versucht zu sagen, Orléans sei das Gegenteil von authentisch. Hier ist nichts, was es zu sein behauptet. Die gotische Kathedrale stammt zu einem großen Teil aus dem 17. und 19. Jahrhundert und die Heilige Johanna zu einem nicht geringen aus den Filmstudios des 20. – mais ce ne fait rien,  wie der Franzose sagt.

10. August 2017

„Gefesselt oder Im Kokon“, Eiche, 2007 (Aufnahme am 9.8.2017) © Lothar Rumold

Das war vor zehn Jahren. Da habe ich dieses zweieinhalb Meter lange Bündel geschnürt für einen Weg der Trauer, der dann natürlich durch einen „Lebensgarten“ führen musste. „Gefesselt“ oder „Im Kokon“ hielt ich für mögliche Titel.

9. August 2017

„Auf schmalen Schultern“, Doppel-Statue, Eiche, 2014 © Lothar Rumold

Gut Ding wolle Weile haben, sagt man. Und manchmal kann man es tatsächlich spüren, wie etwas – eine Idee, ein Werk – reift und auch von sich selbst her Gestalt annimmt, mir quasi entgegen kommt und allmählich konkret wird. Es mussten beinahe drei Jahre vergehen, bis ich in der Lage war, mir für eine 2014 auf dem Karlsruher Hauptfriedhof aufgestellte Doppelfigur („Auf schmalen Schultern“, Eiche, Gesamthöhe ca. 300 cm) die geeignete Fassung (i. e. Bemalung) einfallen zu lassen. Jetzt aber bin ich auf einem guten Weg. Auch und gerade insofern ist mir das Werk sozusagen auf halbem Wege entgegen gekommen, als die Natur das Holz mittlerweile grau grundiert hat.

Die Reflexe einer möglichen Umgebung (das Spiel von Licht und Schatten) werden als fixes Bild auf der Oberfläche einer Plastik zum Element des Werks, ohne doch Aspekt der Plastik im engeren Sinn zu sein. Die Bemalung bleibt der Plastik als Plastik äußerlich, nicht aber dem Werk als Werk. (Das gilt allerdings für jede Fassung einer Figur und ist im vorliegenden Fall nur besonders augen- und dadurch gewissermaßen hirnfällig.) Die Plastik schafft sich so ein untrennbares mit ihr verbundenes fiktionales Ambiente. Ein Kapitel der Geschichte, die meine Figur über sich erzählt, handelt von der Umgebung, in der sie steht. Und zwar unabhängig davon, ob sie sich im trivial-alltäglichen Kontext in einem Park, einem Ausstellungsraum oder an der Haltestelle einer unterirdischen Straßenbahn befindet.

6. August 2017

„Aber soviel war ja richtig, daß er an Schiffen immer großes Vergnügen gehabt hatte. Als kleiner Junge hatte er die Blätter seiner Notizbücher mit Bleistiftzeichnungen von Fischerkuttern, Gemüseewern und Fünfmastern gefüllt, und als er mit fünfzehn Jahren von einem bevorzugten Platze aus hatte zusehen dürfen, wie der neue Doppelschrauben-Postdampfer ‚Hansa‘ bei Blohm & Voß vom Stapel lief, da hatte er in Wasserfarben ein wohlgetroffenes und bis weit ins einzelne genaues Bildnis des schlanken Schiffes ausgeführt, das Konsul Tienappel in sein Privatkontor gehängt hatte, und auf dem namentlich das transparente Glasgrün der rollenden See so liebevoll und geschickt behandelt war, daß irgend jemand zu Konsul Tienappel gesagt hatte, das sei Talent und daraus könne ein guter Marinemaler werden, – eine Äußerung, die der Konsul seinem Pflegesohn ruhig wiedererzählen konnte, denn Hans Castorp lachte bloß gutmütig darüber und ließ sich auf Überspanntheiten und Hungerleiderideen auch nicht einen Augenblick ein.“

Thomas Mann: Der Zauberberg, Zweites Kapitel, Bei Tienappels Und von Hans Castorps sittlichem Befinden

5. August 2017

© Lothar Rumold

So oder so oder so ähnlich: (m)eine (neue) Signatur, die man sich merken sollte. Fälscher können schon mal anfangen zu üben.

3. August 2017

Auch heute soll hier natürlich wieder von Schönheit die Rede sein, das heißt für dieses Mal davon, wie wir gerade im Begriff sind, moralisch schön zu sterben. In Betragen haben wir nämlich eine Eins. In zu vielen anderen Fächern liegen wir dagegen im weltweiten Vergleich (→ Artikel von Gunnar Heinsohn) zwischen einer Drei-bis-Vier und einer Fünf. Die Erzählung vom Untergang des Abendlandes ist versehen mit einer Unzahl von mathematisch-statistischen Anmerkungen, deren kollektive Nicht-Beachtung natürlich nicht unter „Fake-News“ fällt. Demnach scheint alles in Ordnung zu sein. Wer keine Ahnung hat, dass er sich, indem er gräbt und gräbt, sein eigenes Grab schaufelt, dem kann man nicht vorwerfen, er handle wider besseres Wissen. Aufklärung sei das Schlussmachen mit der selbstverschuldeten Ahnungslosigkeit, hat Kant ungefähr gesagt. Jetzt müsste man sich nur noch dazu entschließen, mit seiner Ahnungslosigkeit Schluss zu machen. Ein wenig Aufgeklärtheit wär da wohl von Nutzen. Ein Teufelskreis.

Tablet-Zeichnung „Gabis Schirm“, 3.8.2017, © Lothar Rumold

2. August 2017

Tablet-Zeichnung (Süßgras), 2.8.2017, ©Lothar Rumold

Es geht uns als Künstlern wie den Astrophysikern, die zugeben müssen, dass es die sogenannten Neutrinos, denen sie nachstellen, als veritable „Teilchen“ eigentlich gar nicht gibt und sie schon zufrieden sein können, wenn es ihnen gelingt, mit Hilfe von riesigen Messfeldern im arktischen Eis die Leuchtspuren ihrer materiellen Nicht-Existenz zu beobachten und aufzuzeichnen. Denn Künstler sein heißt nichts anderes, als die Spuren sensibel zu erahnen und nachzuzeichnen, welche die „passierende“ Kunst auf dem Papier, auf der Leinwand oder in welchem Medium auch immer en passant und ungeachtet ihrer faktischen Nichtexistenz möglicherweise hinterlassen hat.

1. August 2017

Das erotisch-pornographische Motiv spielt, ich glaube, ich sagte es bereits, beim Zeichnen sehr bald keine Rolle mehr. Man kann die Melodie, das phallische Grundthema, auswendig und fängt früher oder später an, frei zu variieren und zu improvisieren. Ist das noch Darstellung im engeren Sinn? Dass es nur um ein abstraktes, also vom Gegenständlichen losgelöstest, womöglich gar autonomes Spiel der Linien und Formen geht, lässt sich aber auch nicht sagen. Der Reiz liegt für mich gerade im Tanz der Linien und Formen zwischen gegenständlicher Gebundenheit und freier Improvisation. Aber letztlich gilt das, mal mehr, mal weniger, für jede bildliche Darstellung, die nicht auf rein fotomechanischem Wege zustande gekommen ist. Andernfalls wäre eine Porträtzeichnung von Albrecht Dürer kaum zu unterscheiden von einer, die von der Hand Pablo Picassos stammt.

Bleistiftzeichnung, Ausschnitt, © Lothar Rumold

Mittlerweile sehe ich beim Zeichnen von, mit Verlaub: Schwänzen beinahe nur noch die Darstellung und in dieser kaum noch das Dargestellte. Ich bin dann immer ein wenig überrascht und irritiert, wenn jemand (wie ich seinen oder ihren Äußerungen entnehmen kann) gerade umgekehrt vor allem das Dargestellte und offenbar gar nicht die Darstellung zu bemerken scheint.