Franz Scherer im Neureuter Milchhäusle (2004)

Von der nicht konstruierten Strenge
Franz Scherers Bilder als Exempel eines Glaubens- und Kunstprinzips

Während man sich als bildender Künstler bei Besuchen der alten und neuen Kunstmessen ebenso regelmäßig wie zuverlässig davon überzeugen kann, dass der Konkurrenz im allgemeinen auch nichts wirklich Besonderes einfällt, ist man fernab der großen Kunst-Hallen vor Überraschungen nie ganz sicher. Das Neureuter „Milchhäusle“ mit seinen 64 Quadratmetern Ausstellungsfläche bietet derzeit eine One-Man-Show, die den Vergleich mit jenen kürzlich bei Forchheim erlebbaren nicht zu scheuen braucht. Zu sehen sind Zeichnungen und Linolschnitte von Franz Scherer. Der heute in Ettlingen lebende Künstler war bis vor kurzem katholischer Pfarrer der St.-Antonius-Gemeinde in Ettlingen-Spessart.

Als Sohn eines Arbeiters wurde Franz Scherer 1933 in Mörsch (Rheinstetten) geboren. Während seiner Gymnasialzeit lernte er den aus dem benachbarten Neuburgweier stammenden Emil Wachter kennen. Jahre später sollte der junge Pfarrer zusammen mit dem 12 Jahre älteren Wachter eine vierwöchige Busreise unternehmen, die ihm eindrücklich in Erinnerung geblieben ist. Durch Italien nach Nordafrika, dann über Portugal, Spanien und Frankreich zurück an den Rhein: Scherer skizzierte, Wachter aquarellierte, Gelegenheit zum Gedankenaustausch hatte man reichlich. Ein Studium der katholischen Theologie absolvierte Franz Scherer in Freiburg und München. Nach einer Zeit als Kaplan in Bruchsal und Mannheim war er dann von 1963 an Pfarrer in Spessart. Erst seit Herbst letzten Jahres ist der inzwischen 70-jährige im Ruhestand und lebt nun in Ettlingen.

Scherers Zeit im abgelegenen Spessart darf man sich nicht zu idyllisch vorstellen. Wenn es schon keine 40-jährige Wüstenwanderung gewesen ist, so war es doch ebensowenig ein Sonntagsspaziergang. Denn in liturgischen Fragen zeigte sich der streitbare und von vielen als „schwierig“ empfundene Katholik ebenso konsequent wie in solchen der Kunst, die in der modernen, mittlerweile unter Denkmalschutz stehenden Beton-Kirche ständig präsent gewesen ist. Weder predigte er den Leuten was sie hören, noch zeigte er ihnen, was sie sehen wollten. So hatte der Künstler-Pfarrer in der Gemeinde zwar eine treue Schar von Anhängern und Bewundereren, doch die Zahl seiner Widersacher war keineswegs gering. Woran sich heute in den Metropolen manch einer mit nostalgischer Wehmut erinnert – auf dem flachen und weniger flachen Land ist es noch immer reale Gegenwart: mit „moderner Kunst“ und fortschrittlicher Theologie kann man dort die Gemüter jederzeit in Wallung bringen.

Im Bereich seiner Gemeinde hielt sich Pfarrer Scherer als Künstler eher bedeckt. Dafür zeigte er gerne das, was andere zu bieten hatten. Obwohl seine Liebe als Sammler, der er auch ist, vor allem der konkreten und konstruktivistischen Kunst gilt, sind Scherers eigene Arbeiten weder konkret noch konstruktivistisch, wenn auch im Umkreis dieser Richtungen anzusiedeln. Das Credo der Konkreten, es gehe darum, nicht abzubilden, sondern selbst zu sein, wird man in Scherers neueren Arbeiten vielleicht noch bejaht finden. Doch die überdies verordnete „moderne“ Schnörkellosigkeit als Nachhall des von Adolf Loos in Umlauf gesetzten Gerüchts, „Ornament und Verbrechen“ (1908) seien quasi dasselbe, ist Scherers Schaffen wesensfremd.

Nicht dass sein Werk von ornamental Üppigem durchwuchert wäre, doch stößt man allenthalben auf rhythmische Reihungen, linear sich wiederholende Elemente oder ein Im-Kreise-, das heißt hier: Im-Viereck-Gehen der Gestalt. Zugleich bleibt Reduktion das vorherrschende Prinzip, Reduktion vor allem auch auf die Linie und im Falle der Linolschnitte auf die zwischen den Linien sich spannenden unstrukturierten Flächen, die sich in sehr seltenen Fällen auch in Rot oder Blau präsentieren.

Bereits die Mitte der 70er Jahre entstandenen Ansichten von der griechischen Küste zeichnen die abgebildeten Gegenstände – Gebäude, Mauerwerk, Felsen – als karge Liniengebilde, wobei auf die konventionellen zeichnerischen Mittel zur Erzeugung der Wirklichkeitsillusion völlig verzichtet wird. Aus den späteren Arbeiten sind die gegenständlichen Anlässe verschwunden und der Verlauf und das Aneinander-Anknüpfen der wie organisch sich entwickelnden Liniennetze emanzipiert sich zum alleinigen Bildinhalt. In den Zeichnungen auf der Rückseite von gebrauchten Briefumschlägen müssen sich Scherers Linien überdies mit den starren, industriell produzierten Gegebenheiten wie zum Beispiel den Rändern der Umschlagsklappen ins Benehmen setzen.

Das alltägliche Zusammengehen von künstlerischem Werk und seelsorgerischem Wirken, das sich bereits im kreativen Umfunktionieren von zuhandenen Briefumschlägen zeigt, wird noch deutlicher angesichts des umfänglichen Zettel-Werks, das beim Telefonieren, also sozusagen en passant oder, um genau zu sein: en parlant entstanden ist. Von dieser Beiläufigkeit ist auf den 10 x 10 cm großen Zetteln allerdings kaum etwas wiederzufinden. Hinter der – wie Scherer sagt – „nicht konstruierten Strenge“ seiner labyrinthischen Liniensysteme vermutet unser das Klischee bevorzugende Denken Exerzitien meditativer Einkehr viel eher als beispielsweise ein Telefonat wegen der überfälligen Messwein-Lieferung.

Der Künstler F. Scherer scheint sich mit dem Gottesmann Franz S. immer gut vertragen zu haben. Wie nebenbei ist so ein beachtliches Werk entstanden, das den Umständen nicht abgetrotzt werden musste, sondern aus diesen wie eine Zugabe Gottes, gewissermaßen über-flüssiger Weise, hervorgegangen ist. Dass sie nicht sein musste, sondern sein durfte, sieht man der einzelnen Arbeit durchaus an. Und wenn auch das Prinzip der Reduktion eine gestaltgebende Rolle spielte, so ist doch das Gegenteil von Reduktion, nämlich das fruchtbar sich mehrende Wachstum als „stilbildendes“ Moment gleichermaßen wirksam gewesen. Wenn man diesem Mann und seinem Werk mehr öffentliche Aufmerksamkeit wünscht, dann nicht deshalb, weil Pfarrer Scherer darauf irgendwelchen Wert legen würde, sondern weil in der immer profaner werdenden Kunst-Welt solche Bilder gut tun.

Noch bis 21.3.2004: Franz Scherer: Zeichnungen und Druckgrafik, „Milchhäusle“, Kirchfeldstr. 122, Karlsruhe-Neureut, geöffnet Sa 15-17 Uhr, So 11-17 Uhr (und nach Vereinbarung: 07243-217272)

Am Donnerstag, 11.3.2004 um 20 Uhr findet in der Ausstellung eine Lesung mit Texten von Ernst Jandl statt (Christoph Köhler und Klaus Dusek).

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