Bernhard Stüber im Brettener Kunstverein (2004)

In ungewissen Räumen gezeichneter Stille
Arbeiten von Bernhard Stüber im Brettener Kunstverein

Obwohl man für seinen Erwerb durchaus eine Menge Geld ausgeben kann: der Kugelschreiber wird sein Image als billiges Werbegeschenk und profanes Schreibgerät für den Einkaufszettel und die beiläufige Notiz so ohne weiteres nicht loswerden. Und kaum jemand würde wohl auf die Idee kommen, mit dem „Kuli“ Liebesbriefe zu schreiben oder kunstvolle Zeichnungen anzufertigen.

Womit der 1952 in Karlsruhe geborene Bernhard Stüber Liebesbriefe schreibt, wissen wir nicht. Dass er jedoch mit Hilfe des Kugelschreibers bemerkenswerte Kunstwerke zu schaffen vermag, belegt die derzeitige Einzelausstellung des Mosbacher Künstlers im Kunstverein Bretten. 43 Kugelschreiberzeichnungen in vier verschiedenen Formaten hängen noch bis zum 8. Februar an den Wänden des Gewölbekellers unter der Stadtbücherei. Nur das Rot der Terrakottafließen und das Braun der Bilderrahmen zeigen so etwas wie Farbigkeit – der Rest ist Weiß, Schwarz und Grau in jenen fein gestrichelten Nuancen, die Bernhard Stüber seinem Zeichengerät durch zarte und zarteste Berührungen des Papiers mit der Spitze des Schreibers zu entlocken versteht. Im weich-diffusen Licht des Bildraumes glaubt man zunächst Mauern, Wandungen, Treppen, kurzum: Gebautes zu erkennen. Auch um die Darstellung von technischen Gebilden könnte es sich handeln – die Macht der illusionistischen Geste verführt zu immer weiteren Vergleichen.

Wer jedoch dem Spezifischen von Stübers Zeichungen auf die Spur kommen möchte, tut gut daran, sich von solchen letztlich banalen analogischen Interpretationsmustern beizeiten wieder zu lösen, um daraufhin mit angehaltenem Atem und zurückgehaltenen Assoziationen in die, wie Stüber sagt, „gezeichnete Stille“ des Bildraumes hinein zu horchen. Auf den zweiten, vorurteilsloseren Blick erweist sich unweigerlich, wie ungewiss und unbestimmt hier vieles bleibt. Denn weder die absolute Größe dieser rätselhaften Objekte noch deren materielle und funktionale Eigenschaften sind mit Bestimmtheit angebbar, solange man auf assoziative Gewaltanwendung verzichtet. Je unbestechlicher die Analyse, desto zwingender auch hier die Erkenntnis: ich weiß, dass ich nichts weiß. Wo also sind wir, wenn wir in Bernhard Stübers Bildern sind? Eine Antwort auf die Frage nach dem Ort dieser Bildwelten fällt nicht eben leicht, aber die Suggestivkraft der hier versammelten Zeichnungen macht die Suche danach für jeden aufmerksamen Betrachter zur unumgänglichen Herausforderung.

Bernhard Stüber: Konstruktionen – Variationen, Kugelschreiberzeichnungen; bis zum 8.2.2004 im Kunstverein Bretten, Untere Kirchgasse 5 (Gewölbekeller unter der Stadtbücherei); geöffnet Dienstag 10-13 Uhr und 14-18 Uhr, Mittwoch bis Freitag 14-18 Uhr, Samstag 10-13 Uhr.

[Badische Neueste Nachrichten]