Bernd Göbel im Karlsruher Künstlerhaus (2003)

Erkundungen im Grenzbereich des Figürlichen
Die Künstlerhaus-Galerie zeigt Werke des Bildhauers Bernd Göbel (Halle)

Wie figürlich muss das Figürliche sein, um nicht die Grenze zur freien, nicht-mimetischen Form zu überschreiten? Trotz seines klaren Bekenntnisses zur Figur – „sie kann alles aufnehmen, was ich in der Welt registriere“ – ist Bernd Göbel keiner, der die Natur naturalistisch abbildet, eher schon einer, der ihr (Dativ) nachahmt, wie Ende des 18. Jahrhunderts Karl Philipp Moritz postuliert hat.

In seiner Reihe von Ikarus-Skulpturen reduziert Göbel das Figürliche zuletzt auf Reste von Gliedmaßen. Auch brettartig Kantiges wird gelegentlich integriert. Selbst die Bezeichnung „Torso“ würde hier eine körperliche Unversehrtheit annoncieren, die in dieser Wirklichkeit nicht gegeben ist. Was in vielen der Skulpturen zur Darstellung kommt, ist nicht allein die Gestalt des Menschen, sondern das ansonsten Unbegreifliche, das dem Menschen widerfährt – hier wird es als in Bronze Gegossenes im wörtlichen Sinn „dingfest“ gemacht.

Der Professor für Bildhauerei an der Halleschen Hochschule für Kunst und Design wurde 1942 in Freiberg am Rande des Erzgebirges geboren. Sein künstlerischer Werdegang ist eng mit Karlsruhes Partnerstadt und seiner als „Burg Giebichenstein“ bekannten Hochschule verbunden. Große Aufträge für Plastiken im öffentlichen Raum blieben auch nach der Wende nicht aus. „Wesentlich ist wohl immer das Bemühen um gute Arbeit fern von Ideologien und jeweiligen Regentenwünschen“, kommentiert Bernd Göbel.

Internationale Anerkennung haben vor allem die von Göbel geschnittenen Medaillen gefunden. Für sie hat er als erster Deutscher im Jahr 2000 den Saltus Award der American Numismatic Society erhalten. Ungewöhnlich sind die oft eckigen Umrissformen und die mitunter ebenso unrunden, politisch-kritischen Inhalte. An diesem Medaillen-Werk wird deutlich, dass Monumentalität keine messbare Größe ist, und dass ein Bildhauer wie Bernd Göbel auch dort etwas kraftvoll ins Werk zu setzen versteht, wo nur geringe Mengen an Material bewegt werden müssen.

Eine Werkgruppe eigener Art bilden schließlich die als „Gerät(e)“ bezeichneten Objekte. Dazu gehören Dinge, die eher pro domo artificis produziert worden sind, ebenso wie der von der Wartburg-Stiftung Eisenach vergebene „Wartburgpreis“, der sich mittlerweile im Besitz von Hans-Dietrich Genscher, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog u.a. befindet.

Auf die oft nur zögerliche Rezeption der „ostdeutschen“ Skulptur in anderen Regionen Deutschlands angesprochen, gibt sich Bernd Göbel unbeeindruckt: „Ich registriere manches mit Verwunderung, aber letztlich ist es für die Sache absolut egal, wie sich die Himmelsrichtungen zueinander stellen, man wird in späteren Generationen vieles gelassener sehen.“

Noch bis zum 19. Oktober [2003] im Karlsruher Künstlerhaus (Am Künstlerhaus 47): Bernd Göbel – Medaillen, Plastik, Geräte, Grafik. Öffnungszeiten: Di-Fr 16.00-18.30 Uhr, Sa/So 11.00-14.00 Uhr.

[Badische Neueste Nachrichten]