Evelyn Kopp in der Poly-Produzentengalerie (2003)

Inszenierte Paradoxien
Kunst als fake in der Poly-Produzentengalerie

Nicht unter dem Pflaster, wie revoltierende Studenten 1968 entdeckt zu haben glaubten, sondern auf den Fliesen des Ausstellungsraumes liegt er – der Strand in seiner populärsten Form feinen Sandes. Nicht vom Feinsten dagegen ist die provisorisch zusammengenagelte Hütte, deren Boden die Sandkörner zentimeterhoch bedecken, um so im Verein mit Treibholz, Muscheln und Meeresrauschen aus dem Lautsprecher die Strandillusion komplett zu machen. Wohlgemerkt, der Strand findet im Innern der ärmlichen Hütte statt, an deren Decke als Videoprojektion sich das paradiesische Außen abspielt: Palmen, Brandung, Unterwasserwelten. In der quer durch den Raum gespannten Hängematte sanft gewiegt, mag man sich so minutenlang an fernen Küsten wähnen – bis der nächste Galerie-Hütten-Besucher einen aus den Südseeträumen reißt, besser: reißen würde, wenn er da wäre.

Denn zehn Tage nach der Eröffnung ist der kunstinteressierte Gast selbst in der „Poly“ (deutsch: „mehr, viel“) in der Karlsruher Weststadt eine seltene Spezies, wie Anna Lea Hucht, Kunststudentin und Mitbetreiberin der Produzentengalerie (e. V.), bestätigt. Seit nunmehr zwei Jahren finden in dem 50 m² großen Galerieraum, dessen Schaufensterscheiben schon von der Straße aus einen ersten Einblick gewähren, in monatlichem Wechsel Ausstellungen statt. Von den 31 Vereinsmitgliedern sind die meisten noch keine 35 Jahre alt und Student(inn)en an der Karlsruher Kunstakademie. Aber auch nicht mit der Akademie verbundene Künstler(innen) gehören zum Verein, der sich aus den Beiträgen seiner Mitglieder finanziert.

Auch Evelyn Kopp, deren oben beschriebene Installation derzeit in der Galerie zu sehen ist, studiert noch an der Karlsruher Akademie. Die 1979 geborene Künstlerin verarbeitet in ihrer Hütten-Phantasie Eindrücke, die sie während einer Südamerikareise gesammelt hat. So gibt es eine direkte Parallele zwischen der Video-Installation als Kernstück ihrer Inszenierung und dort erlebten Filmvorführungen in einem ähnlich dürftigen Ambiente. Mit sozialkritischen Projektionen sollte man Evelyn Kopps Arbeit dennoch nicht allzu sehr bedrängen, lebt sie doch von einer assoziativen Unbefangenheit, die schon im wortspielerischen Titel – Evelyn Kopps Koppa Cabana – zum Ausdruck kommt. Dass hier auch Ernstes mit im Spiel ist, kann andererseits nicht dementiert werden. Zu deutlich ist beispielsweise der Hinweis auf die massenhafte Realisierung von Touristenträumen gerade in solchen Gegenden, wo andere im Favela-Elend hausen.

Wer den Blick dagegen vom vordergründig Inhaltlichen löst und auf die strukturellen Momente in Kopps Arbeit richtet, wird feststellen, dass hier die Inszenierung von Paradoxien betrieben wird. Wenn das Außen im Innen, der Strand in der Hütte, der Luxus im Notdürftigen und die weite Ferne ganz nah real wird, kann von Sozialkritik allenfalls in der künstlerisch sublimierten Form eines Angriffs auf unsere Welt- und Wirklichkeitskonstruktionen die Rede sein. Dass hier kaum etwas das ist, was es zu sein scheint, wird auch von den drei Pin-up-Girls bestätigt, die man für je 2,- EUR als Poster mit nach Hause nehmen darf, und bei denen es sich „in Wahrheit“ nicht um echte Erotika, sondern um Porträts der Künstlerin in der Maske des Lustobjekts handelt.

Noch bis Sonntag, 26.10.2003 (Finissage ab 19 Uhr), in der Poly-Produzentengalerie e.V., Viktoriastr. 9: Evelyn Kopps Koppa Cabana, geöffnet Mi-Fr: 18-21 Uhr, Sa und So: 15-18 Uhr. Cocktailabend am Freitag, 24.10.2003 um 19 Uhr.

[Badische Neueste Nachrichten]