20. September 2017

Theoretisch neige ich zur Serien-Tat, und zwar in Wort und in Bild. Über die vierte oder fünfte Folge (im TV heißt das neuerdings „Episode“ und man fasst die Episoden zu gleichfalls durchnummerierten sogenannten Staffeln zusammen) einer Serie komme ich allerdings in der künstlerischen Praxis selten hinaus. So erging es mir mit den Masken (und diesen mit mir), die ich im letzten oder vorletzten Jahr in Serie gehen lassen wollte. Nach der siebten Maske war dann erst einmal Schluss. (Den Plan, diese Serie eines Tages fortzusetzen, habe ich allerdings noch nicht ganz fallen gelassen.) Zwei neue Serien-Ideen kamen mir heute in den Sinn.
xxxxxDie erste Serie könnte unter dem Titel „Auflösungs-Erscheinungen (m)eines Bücherregals“ laufen. Was da in Erscheinung treten würde, indem mein Atelier-Bücherregal sich unter meinen Händen auflöst, wären Bücher – in der Regel Kunst-Bild-Bände. Einen nach dem anderen könnte ich hier vorstellen und hätte damit bei einer Einzel-Vorstellung pro Tag etwa ein Jahr lang zu tun.
xxxxxDie zweite Serie, die mir in den Sinn kam, wäre in Bezug auf das Haupt-Auswahl-Kriterium für den Inhalt der Einzel-Folge zunächst ebenso einfach gestrickt. In den Fokus einer Folge könnte jedes Werk der bildenden Kunst geraten, dessen Urheber im Jahr des Schaffensprozesses genauso alt war wie ich – genauer gesagt: wie ich, als ich die Auswahl traf. Das würde die Serie zu einer Aneinanderreihung von Wort-und-Bild-Beiträgen mit linear ansteigender Alterskurve oder -linie machen, wobei es nicht um das Alter der präsentierten Werke, sondern um das der dahinterstehenden Werk-Schöpfer ginge. Als Serien-Titel fände ich „Taten, deren Täter bei der Tat so alt waren wie ich bei ihrer Präsentation“ zwar ein wenig sperrig, er würde aber das Gemeinte durchaus zutreffend beschreiben. Als Kurztitel käme in Frage: „Die Altersgleichheits-Serie“.

Das nachstehende Bild von Josef Albers würde in beide Serien passen. Denn ich fand es im zweiten Buch, das (bis heute) in meinem Atelier-Bücherregal stand – links davon nur noch ein Band über „Aktzeichnungen Großer Meister“ – und als Jahr seiner Entstehung ist 1950 angegeben, das Jahr, in dem Albers im März 62 Jahre alt wurde:

Josef Albers: „Homage to the Square“, 1950, Öl auf Hartfaser, 52,4 x 52,1 cm

Albers lebte damals in New Haven, gut hundert Kilometer nordöstlich von New York, und war zum Direktor das Department of Design an der Yale University berufen worden. Zur Vorgeschichte nur dies: Nachdem Albers von 1930-33 stellvertretender Leiter des Bauhauses in Dessau gewesen war, gelang ihm 1933 zusammen mit seiner Frau Anni der rettende Sprung in die amerikanische Freiheit und ans Black Mountain College in North Carolina.
xxxxxDas oben abgebildete, relativ kleinformatige Werk ist zufällig kein x-beliebiges, sondern eines der ersten (wenn nicht das erste) aus der berühmten Serie(!) „Homage to the Square“. Mit 62 Jahren begann Josef Albers die Bilder zu malen, die man für gewöhnlich mit seinem Namen in Verbindung bringt. Er tat es dann noch ein Viertel Jahrhundert lang. Ich kann nicht sagen, dass ich es bedauere, dass mir heute ausgerechnet dieses Buch in die Hände fiel und ich aufgrund der Altersgleichheits-Serien-Idee just an dieses Bild geraten bin. Im Gegenteil.
xxxxxMit der „Hommage ans Quadrat“ von 1950 verbindet mich das Alter des Schöpfers. Künstlerisch fühle ich mich heute dem jungen Albers  näher als dem gleichaltrigen, das heißt: seine frühen Zeichnungen interessieren mich mehr als seine abstrakten Etüden. Er war ungefähr dreißig, studierte an der Kunstgewerbeschule in Essen und unterrichtete zugleich als Volksschullehrer in Bottrop, als er diese Zeichnung anfertigte:

Josef Albers: „Haus mit Bäumen in Nottuln“, um 1918, Bleistift und Tusche auf Papier, 35,1 x 26,1 cm