19. September 2017

An Debatten über Kunst, also darüber, ob etwas Bestimmtes (oder wann etwas im Allgemeinen) Kunst sei (oder nicht sei), versuche ich möglichst nicht teilzunehmen. Bei meiner Arbeit spielt der eine wahre oder irgendein anderer Kunstbegriff keine Rolle. Es kommt aber vor, dass mir etwas begegnet, wovon ich sagen möchte: Seht her – das ist Kunst! Und nicht euer akademisch korrekt ausgedachtes oder vermeintlich marktkonform auf Hochglanz poliertes Surrogat, auf das ihr mit demselben sprachlichen Ausdruck („Kunst“) Bezug zu nehmen pflegt. Solch eine Emanation widerfuhr mir gestern vor dem Karlsruher Hauptbahnhof.

Der Bereich vor dem Haupteingang des Bahnhofs dient immer wieder Musikanten und Entertainern verschiedener Art als Bühne für kürzere oder längere Auftritte. Regelmäßige Gastspiele gibt ein russischer Teufelsgeiger, dem sich vor einigen Monaten ein  Kontrabassist angeschlossen hat, der dem Virtuosen noch nicht ganz (aber bald) das Wasser reichen kann. Auch wenn die beiden mittlerweile eine zwar variable, doch zugleich immer größer werdende (ich frage mich, wie das geht) Fan-Gemeinde haben, meine ich doch nicht dieses bemerkenswerte Duo, wenn ich Kunst-Emanation sage.

Der Sänger war um die Fünfzig und trug einen Mantel, Schlapphut und Brille. Aus dem Rucksack auf seinem Rücken kamen die Töne oder Geräusche eines Schlagzeugs, die ihm den Takt vorgaben oder dabei halfen, nicht aus demselben zu geraten. Als Mikrophon diente ihm sein Handy, das (ich glaube sogar drahtlos) an den Lautsprecher im Rucksack angeschlossen war. Im Repertoire des Karaoke-Sängers auf der Walz werden wohl die deutschen Schlager der 1960er Jahre breiten Raum einnehmen, denn während ich mich in Hörweite aufhielt, sang er drei davon hintereinander weg (die Texte kannte er auswendig), darunter „Rote Lippen soll man küssen“ und „Du bist mein erster Gedanken“. Er sang nicht wirklich gut, aber auch nicht nachgerade schlecht. Wenn er immer mal wieder einen Ton nicht ganz traf, machte das nichts aus, im Gegenteil: mir kam es so vor, als müsse es so sein – wegen der künstlerischen Authentizität. Richtig wäre in diesem Fall falsch gewesen. Es störte den hingebungsvoll singenden Sänger nicht, dass ihm niemand zuzuhören schien. Man ging in relativ großem Abstand an ihm vorbei, niemand blieb stehen. Auch die für gewöhnlich dort herumlungernden dubiosen Gestalten lungerten gerade woanders herum. Ich war der Einzige, der sich in den Bannkreis wagte und eine Münze in die an seiner Brust befestigte leere Blechdose warf. Warum ist das Kunst? Ich weiß es nicht und ich will es auch fürs erste gar nicht wissen. Es reicht mir, dass mir vollkommen klar ist: Das ist Kunst! Und wären wilde Tiere da gewesen, wie es im Orpheus-Song von Reinhard Mey heißt, – sie hätten sich auch um diesen Orpheus friedlich geschart, dessen bin ich mir sicher.