13. September 2017

Im Dialog mit Michael Schneider (→ zum Dialog) habe ich heute behauptet, jedes vermeintlich frei geschaffene Werk gerate dem authentischen Künstler unwillkürlich zum Versuch eines Selbstportraits. Und ich fuhr fort: „Bei Dir [Michael] erkennbar an Deiner Farb- und Form-Palette, zu der Du unwillkürlich immer wieder greifst. Bei mir liegt der Fall komplizierter, aber im Prinzip ähnlich.“ Dazu hier noch zwei ergänzende Worte.

Künstler drücken sich in ihren Werken aus, heißt es. Jeder weiß das, auch wenn er sonst über Kunst nichts oder fast nichts weiß. Meinetwegen soll man das auch in Zukunft weiter so sagen, ich kann daran ohnehin nichts ändern. Dennoch halte ich diese Redensart im Grunde für falsch oder schärfer: für grundfalsch. Das, was man den künstlerischen Ausdruck im Medium des Werks nennt, ist der Versuch, etwas zustande zu bringen, worin man sich (halbwegs) wiedererkennen kann. Der Autor, der etwas formt, ist nicht das Ich, das sich ausdrückt. Sondern er ist eine Instanz zwischen Ich und Werk. Und diese Instanz bemüht sich, das Werk so zu formen, dass es dem Ich ähnlich sieht. Wenn die Redeweise vom sich ausdrückenden Künstler etwas Zutreffendes beschreiben würde, dann bestünde eine unmittelbare Verbindung zwischen mir und meinem Werk. Man müsste geradezu von partieller Identität sprechen, zumindest auf der geistigen oder charakterlichen Ebene. Dass diese im Schaffensprozess angestrebt wird, bezweifle ich nicht. Aber sie ist nicht apriori gegeben. Es braucht den Autor (jeder Künstler ist Autor seines Werks), um ein Werk so zu formen, dass es so aussieht, als habe sich das Künstler-Ich darin ausgedrückt.

Mein Fall liegt komplizierter als der von Michael Schneider, nicht weil ich komplizierter bin als er (ich glaube ich bin eher einfach gestrickt), sondern weil mir ein einziger Medien-Typus nicht genügt, um mir auf die Spur zu kommen. Um dem Rechnung zu tragen und auf meine Weise Einheit in der Vielfalt meiner Wege zum Ich herzustellen, oder um irgendwie Ordnung zu schaffen, habe ich in letzter Zeit gedanklich mit dem Begriff der Versammlung gespielt. Die Versammlung wäre so etwas wie eine Werk-Klammer oder ein geistiger Ort, an dem sich Unterschiedliches versammeln könnte. Eine Ordnungskategorie der Meta-Werk-Ebene. Habe ich darüber nicht schon geschrieben? Und wenn schon.