12. November 2017

Wie eigentlich kam ich auf Félix Vallotton – den Maler, Zeichner und Holzschneider, der 1865 in Lausanne geboren wurde, 1900 die französische Staatsbürgerschaft erhielt und 1925 in Paris starb? Jedenfalls entdecke ich immer wieder neue, bisher von mir nicht gesehene Bilder von ihm. Google ermöglicht den Zugang zu einem großen Teil seiner Gemälde, wobei in vielen Fällen genauere Angabe, wenn überhaupt, dann nur schwer zu ermitteln sind. Einen ganz besonderen Fund habe ich heute auf Youtube gemacht. Das Kunstmuseum Winterthur hat im September 2012 einen Vier-Minuten-Film über eine dort vom 15.9. bis 25.11.2012 gezeigte Ausstellung mit Zeichnungen von Vallotton veröffentlicht. Etwas merkwürdig nur, dass der Herrn Direktor offenbar reflexartig etwas von Deutscher Romantik faseln muss, sobald mehr als ein Baum im Bild zu sehen ist. So sind sie halt, die Kunsthistoriker: allesamt leiden sie unter einem pathologischen Bezugsherstellungszwang.

Aus gegebenem Anlass (noch eine Cézanne-Ausstellung in der Karlsruher Kunsthalle) lenke ich meine vielen und vielerlei Irritationen ausgesetzte Aufmerksamkeit auf Paul Cézanne und sein Werk. Mein Vorurteil, dass der kunsthistorische Betrieb dazu neigt, diejenigen, die dank seiner Schützenhilfe als die Sieger der Kunstgeschichte gelten können, posthum zu mehr zu machen als sie zu Lebzeiten oder „eigentlich“ waren, wird dabei heute einmal mehr bestätigt. In einem mit sehr vielen Text-Ranken verzierten Ausstellungskatalog (Tübinger Kunsthalle 1993) lese ich unter „Biographische Hinweise“, Cézanne habe als Vierundzwanzigjähriger (1863) in Paris „an der Académie Suisse“ seine „Modellstudien“ fortgesetzt. Diese „Akademie“ habe er „besucht“ auf Empfehlung von Emile Zola. Hinter der von Cézanne „besuchten“ „Akademie“, „an der“ er „Modellstudien“ getrieben haben soll, verbirgt sich eine ab 1815 bestehende dubiose Einrichtung „in einem heruntergekommenen Haus des Quai des Orfèvres […], in dem unter anderem ein stadtbekannter Zahnreißer seiner Tätigkeit nachging“, wie es bei Wikipedia heißt. Und weiter: „Es wurde weder Kunstunterricht erteilt, noch wurden Prüfungen abgenommen oder die dort entstandenen Werke bewertet. Allein die kostengünstige Nutzung des Ateliers und des dort beschäftigten Modells, vor allem aber die Möglichkeit des Austauschs mit Gleichgesinnten, zogen viele später zu Ruhm gekommene Künstler in die Académie Suisse.“ Etwa zwanzig Jahre danach entstand der unten zu sehende Akt, der in nicht allzu ferner Zukunft wegen seiner „sexistischen“ Darstellung einer Frau-vorbehaltlich-späterer-Änderungswünsche als „umstritten“ gelten dürfte. Ich hätte übrigens einen ganz anderen, viel banaleren Änderungswunsch: Wenn es nicht zu viele Umstände macht, würde ich das Sofa samt Leda und Schwan gerne ein wenig nach rechts rücken oder rücken lassen – da ist zwischen Möbel und Bildrand noch reichlich Platz. Dann müsste nämlich der rechte Fuß der Dame nicht zur Hälfte außerhalb der Bildfläche, also sozusagen im Freien herumhängen.

Paul Cézanne: „Leda au cygne“, ca. 1881, Öl auf Leinwand, 60 x 75 cm

Ich gebe zu, dass ich (noch) nicht zur Gemeinde der Cézanneianer gehöre. Auch wenn ich mich mit diesem Geständnis bis auf die Knochen blamiere: sehr viele seiner Werke gefallen mir nicht besonders. (Die Prädikation „gefallen mir nicht besonders“ ist ja schon für sich genommen blamabel genug.) Eine der Ausnahmen bildet das Porträt von Hortense Fiquet, der Mutter von Cézannes 1872 geborenem Sohn Paul, das ich heute in meine Sammlung aufnehme. Die Wertschätzung dieses Gemäldes teile ich mit Rainer Maria Rilke, der berichtet, er habe (in der Gedächtnisausstellung für Cézanne 1907 in Paris)  sehr oft „aufmerksam und unnachgiebig“ davorgestanden. Rilke bewundert den „große[n] Farbenzusammenhang“. Und auch er rückt im Geiste Möbel umher, wenn er schreibt, dass vor eine „erdiggrüne Wand“ ein roter Sessel geschoben sei. Jede Farbe müsse sich äußern gegen ihre Umgebung – und dann ein Satz, den man so ähnlich aus einem Rilke-Gedicht kennt: „Es ist, als wüßte jede Stelle von allen.“ Ob er wohl auch vor und von diesem Werk die Aufforderung vernahm, sein Leben zu ändern? Kaum zu glauben ist für mich, dass der Maler der Hortense derselbe ist, der ein paar Jahre später die rotbackige Leda verbrochen, pardon: gemalt hat.

Paul Cézanne: „Hortense Fiquet dans un fauteuil rouge“, 1877, Öl auf Leinwand, 72,5 x 56 cm