10. Oktober 2017

Bei meinem zweiten kunsthistorischen Blind-Date in der Badischen Landesbibliothek (ich berichtete davon am 4. Oktober) begegnete ich heute Félix Vallotton, ein gebürtiger Lausanner (1865), der mit knapp 35 (1900) französischer Staatsbürger wurde, kurz zuvor hatte er mit seinen formal und inhaltlich aufsehenerregenden Holzschnitten Aufsehen erregt. Vallotton malte die unglaublichsten Bilder (er hat allein 1.700 Gemälde hinterlassen), hier das, was Google zusammengestellt hat – für mich eine wahre Augenweide und schier unerschöpfliche Fundgrube. Angesichts solcher Buntheit und Vielfalt in jeder Hinsicht nimmt es nicht Wunder, dass Vallotton ab 1900 von der sogenannten Avantgarde, welcher er offenbar für den Zeitraum davor zuzuordnen ist, nichts mehr wissen wollte. Kaum zu glauben, dass etwa dieses Bild 1895 in Öl auf Leinwand gemalt worden ist (ich hätte es spontan für einen Fall von „Kaufhauskunst“ der 1970er oder von Photoshop-Artistik der 2010er Jahre gehalten):

Félix Vallotton: „Badende“, 1895, Öl auf Leinwand, 98 x 130 cm

Rudolf Koelle, der viel über Vallotton geschrieben hat, schreibt im Historischen Lexikon der Schweiz, Vallotton habe nach seiner Absage an die Avantgarde „nach einer zeitgemässen Form bürgerlicher Malerei“ gesucht, einer Malerei, „die sich an alten Meistern wie Poussin oder Ingres orientierte.“ Nun, diese zeitgemäße Form der bürgerlichen Malerei ist dann ja von der Avantgarde gefunden worden, ohne dass diese sich allerdings an Poussin oder Ingres orientiert hätte. Denn die Bürger waren irgendwann der Ansicht, dass sie in Sachen Kunst doch eher Avantgardisten als Bürger seien.